Aktuelles

Diskussionsrunde: Welche Rolle spielt Kultur bei der Digitalisierung der Stadt?

4. Dezember 2019
  • Janina Benduski, Programmdirektorin Performing Arts Programm des LAFT Berlin
  • Judith Galka, Referentin des Vorstands der Zentral- und Landesbibliothek Berlin
  • Senator Dr. Klaus Lederer, Senatsverwaltung für Kultur und Europa
  • Nicolas Zimmer, Vorstandsvorsitzender Technologiestiftung Berlin

Diskussion bei der zweiten Konferenz zur digitalen Entwicklung des Kulturbereichs vom 28.10.2019

In der direkt an die Vorträge anschließende Diskussionsrunde nehmen Janina Benduski, Leiterin des Performing Arts Programms, Judith Galka von der Zentral- und Landesbibliothek, Senator für Kultur und Europa Dr. Klaus Lederer und Nicolas Zimmer, Vorstandsvorsitzender der Technologiestiftung Berlin, teil. Es geht um die Frage, welche Rolle Kultur bei der Digitalisierung der Stadt spielt. Moderiert wird die Runde von RBB-Moderatorin Franziska Walser, die der Diskussion die Frage voranstellt, ob es in der Debatte rund um „smart cities“ überhaupt um „Kultur“ geht, wo es doch oftmals eher um neue Mobilitäts- und Verwaltungskonzepte geht – also um Online-Buchungen beim Bürgeramt oder „intelligente“ Parkplätze – anstatt um kulturelle Angebote.

Video: Digitalagentur MOVACT

Nicolas Zimmer hält das für einen wichtigen Punkt und fügt hinzu, dass „die Kultur derzeit in der Diskussion um die Smart City eher die Rolle eines Wirtschaftsfaktors einnimmt“. Es gehe grundsätzlich meist darum, inwiefern kulturelle Angebote zum Haushalt einer Stadt beitragen könnten, nicht aber darum, was die Kultur für die Stadt der Zukunft leisten könne, wenn man ihre „Leistung“ in Hinblick auf weichere Faktoren definiere. Klaus Lederer stimmt dieser Analyse in Teilen zu, gibt aber auch zu bedenken, dass an diesen Prozessen nicht nur die Senatskanzlei beteiligt ist, sondern eben auch die Wirtschaftsverwaltung, und die Strategien der verschiedenen Akteure deshalb oftmals zusammenhangslos nebeneinander stehen. Sein Ansatz sei es viel mehr, „Kompetenzen und Fähigkeiten von unten zu entwickeln“, weil auch in der Politik nicht immer ausreichend Kompetenzen vorhanden seien, um Veränderungsprozesse erfolgreich umzusetzen. In diesem Sinne sei die Digitalstrategie des Landes ein sehr breiter Prozess, an dem sich verschiedenste Akteure beteiligen müssten.

Janina Benduski hält die Entwicklungen, die gerade im Rahmen der Digitalisierungsstrategie und des Innovationsfonds zur digitalen Entwicklung im Kulturbereich stattfinden, zwar für richtig, findet jedoch auch, dass in den vergangenen Jahren viel Zeit verschwendet worden ist: „Wenn ein Museumsverband jetzt darüber nachdenkt, das Museum als demokratischen Raum zu entwickeln, dann sage ich ‚Heureka‘, aber das hätte einem eben auch etwas früher einfallen können!“ Dabei gehe es aber eben nicht immer nur um die richtigen Ideen – von denen gebe es ja durchaus genug –, sondern vor allem um die nötigen Mittel, um diese Ideen auch umsetzen zu können.

Für Klaus Lederer gilt in all diesen Diskussionen – sei es bei der Debatte um Smart Cities oder bei der Debatte um die Digitalisierung des Kulturbereichs –, dass sich alle Beteiligten vor Augen rufen, „was wir eigentlich mit all dem wollen“. Jeder einzelne müsse sich also Fragen, warum, also zu welchem Zweck, die Stadt oder der Kulturbereich überhaupt digital ausgebaut werden solle. Denn viel zu oft werde ja davon ausgegangen, dass der technische Fortschritt an sich eine ausnahmslos positive Entwicklung sei. Nicolas Zimmer sieht das ähnlich und unterscheidet zwischen den Strategien, die in den vergangenen Jahren etwa in Barcelona angewendet wurden und jenen Prozessen, die derzeit in den USA stattfinden. Auf der einen Seite habe man erkannt, dass es bei einer Smart City vorrangig um die Frage gehe „in welcher Stadt wir leben und wie wir zusammenleben wollen“. Auf der anderen Seite stünde die Konzernlogik des Silicon Valley, bei der der Mensch außen vor bleibe und es primär um die „Vereinfachung der Dinge“ gehe. Janina Benduski hält es gerade in diesem Zusammenhang für zentral, die Digitalisierung nicht als etwas zu verstehen, „was uns als Gesellschaft einfach so zustößt“. Vielmehr gehe es darum die „Digitalität“ als Kulturtechnik anzuerkennen – und in der Frage, ob uns dies in Zukunft wirklich gelingen könnte, schwanke sie bisher „zwischen Depression und vorsichtigem Optimismus“. Denn es könne ja nicht das Ziel sein, von oben verschriebene Rezepte anzuwenden, um die Digitalisierung zu „schaffen“ oder „zu bewältigen“. Vielmehr müsse der Kultursektor sich organisieren und solidarisieren, um wichtige Debatten rund um die Digitalität voranzubringen.

Vor diesem Hintergrund sieht Judith Galka den Kunst- und Kulturbereich vor allem gefordert, der Zivilgesellschaft zu mehr digitaler Teilhabe zu verhelfen und ihnen so in dieser Debatte eine Stimme zu verschaffen. Denn es sei ja gleichzeitig auch so, dass etwa in Deutschland „20 Prozent der Menschen kaum Zugang zu digitalen Welten haben“. Diese Teilhabelücken müssten mitbedacht werden, wenn es darum gehe, möglichst viele Leute in Veränderungsprozesse einzubinden. Diese „Grundalphabetisierung“ im digitalen Sinne könnte vor allem von den Bibliotheken geleistet werden: „Smarte Städte zeichnen sich eben auch durch ihr soziales Innovationspotenzial aus – und dafür braucht es Räume!“

Text: Kai Schnier

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Fonds zur Digitalen Entwicklung des Kulturbereichs

2. Dezember 2019

Senator Dr. Klaus Lederer Senatsverwaltung für Kultur und Europa

Vortrag bei der zweiten Konferenz zur digitalen Entwicklung des Kulturbereichs vom 28.10.2019

Zu Beginn von Klaus Lederers Vortrag steht eine gute Nachricht für alle Anwesenden: Geht es nach dem Senator für Kultur und Europa, dann soll nicht nur das Projekt kulturBdigital verstetigt werden, sondern auch die Konferenz zur digitalen Entwicklung des Kulturbereichs ein fester Bestandteil der Digitalstrategie des Landes werden. Nicht zuletzt, weil sich die Konferenz zu einem wichtigen Forum „für die Vernetzung digital interessierter Kunst- und Kulturschaffender“ entwickelt habe.

Video: Digitalagentur MOVACT

Diese Verstetigung ist für Lederer ein wichtiger Punkt, denn für ihn geht es bei der Digitalisierung des Kulturbereichs nicht um die Förderung eines „einmaligen Urknalls“, sondern um die Förderung von mehr Kultur und mehr Innovation über einen längeren Zeitraum. Dazu braucht es aber laut Lederer nicht nur einen grundlegenden Geisteswandel, sondern auch „penetrante Akteure in den Institutionen“, die neue Projekte anstoßen und damit als Vorbild für andere dienen. Genau aus diesem Grund soll das Geld aus dem Fonds zur digitalen Entwicklung des Kulturbereichs auch vor allem in „Projekte mit Modellcharakter“ fließen und eine Basis für einen nachhaltigen Entwicklungsprozess schaffen, denn: „Digitalisierung ist nicht das, was passieren sollte, wenn am Ende noch etwas Geld übrig bleibt!“

Und tatsächlich könnte in Zukunft im Berliner Haushalt etwas mehr Geld für diesen Prozess eingeplant werden. Laut Lederer stehen ab dem nächsten Jahr – „wenn alles so kommt wie geplant“ – eine Million Euro statt wie bisher 450.000 Euro dafür zu Verfügung, Die Hälfte dieses Geldes soll laut Lederer an Projekte gehen, die die „Kulturvermittlung in den Mittelpunkt stellen“. Natürlich sei auch das noch nicht genügend Geld, um alle Digitalisierungsprobleme im Kulturbereich zu lösen, aber es gehe auch darum „eine entsprechende Stimmung zu schaffen, den Druck hochzuhalten und die Fördermittel langsam zu verstetigen“.

Geht es um die Zukunft des Kulturbereichs in Hinblick auf den digitalen Wandel, dann stehen für Lederer insbesondere vier Punkte im Fokus: das Datenmanagement und die Datenvisualisierung, die digitale Auffindbarkeit, die Vernetzung von Akteuren und die Publikumsentwicklung. In all diesen Bereichen müsse „die Basis für digitale Kulturarbeit zwar erst noch geschaffen werden“, Organisationen wie die Technologiestiftung seinen allerdings prädestiniert dafür, den Kulturakteuren den passenden Raum und die richtigen Rahmenbedingungen für die Entwicklung einer solchen Basis zu bieten. Wie groß die Defizite in der digitalen Infrastruktur im Kulturbereich wirklich sind, darüber soll dann ab 2020 eine ausführliche Bestandsanalyse aufklären.

Text: Kai Schnier

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Data Literacy: Kooperation, Daten und Community – wie man Digitalisierung nachhaltiger machen kann

28. November 2019

Anja Müller, Projektkoordinatorin Forschungs- und Kompetenzzentrum Digitalisierung Berlin

Vortrag bei der zweiten Konferenz zur digitalen Entwicklung des Kulturbereichs vom 28.10.2019

Ein großer Vorteil der Digitalisierung des Kultursektors liegt darin, dass das Kulturerbe für die Öffentlichkeit einfacher zugänglich wird. Doch wer soll die praktische Seite dieses Prozesses eigentlich umsetzen und begleiten? In Anja Müllers Vortrag geht es genau um diese Frage. Nicht zuletzt, weil sie als Projektkoordinatorin bei „digiS“, dem Forschungs- und Kompetenzzentrum Digitalisierung Berlin, dafür zuständig ist, spartenübergreifende Digitalisierungsprojekte in der Hauptstadt zu unterstützen, zu beraten und zu koordinieren.

Video: Digitalagentur MOVACT

Die Gründung des Programms digiS bereits 2012 geht auf das Digitalisierungskonzept des Landes Berlin zurück (das „Berliner Modell“), in dem zum einen die Förderung von Digitalisierungsprojekten in Kulturinstitutionen festgeschrieben ist und zum anderen die Unterstützung dieser Projekte durch Expert*innen und beratende Instanzen. Laut Müller hat es sich digiS dabei zum Ziel gesetzt, „data literacy“ im Sinn von Daten-, beziehungsweise Digitalkompetenz zu vermitteln. digiS unterstützt die am Förderprogramm beteiligten Institutionen darin, Daten zu produzieren, sie zu organisieren und für ihre dauerhafte Verfügbarkeit zu sorgen, und bietet Beratung und Workshops an zum kompetenten Umgang und der Interpretation dieser Daten. In diesem Sinne schließt Müllers Vortrag an den Lightning Talk von Nicolas Zimmer zu Beginn der Konferenz an: „Es braucht Datenkompetenz, um aus Daten zu Wissen und gelungener Kommunikation zu gelangen!“ Dies ist gerade deshalb besonders wichtig, weil die mehr als 60 Millionen Internetnutzer*innen in Deutschland in immer größerem Umfang Daten nutzen, selbst produzieren und ihre Daten, beziehungsweise ihr digitales Wissen teilen.

Dass allein die Beschreibung eines Kunstwerkes ein komplexer Vorgang sein kann, verdeutlicht Müller am Beispiel der Mona Lisa. Das Kunstwerk kann durch die Verwendung von Standards und Normdaten, wie zum Beispiel der GND (Gemeinsame Normdatei), mit anderen Datensätzen im Netz verknüpft und somit für Menschen und Maschinen gleichermaßen zugänglich gemacht werden: Informationen über das Werk wie zum Bespiel ein bevorzugter Titel – auch in unterschiedlichen sprachlichen Kontexten – können ebenso angelegt werden wie die eindeutige Identifizierung des Künstlers mithilfe einer GND-Nummer. Mit solchen standardisiert dargestellten Inhalten und angereichert mit eindeutigen Identifikatoren kann der Datensatz am Ende womöglich gar Teil eines schnell und einfach maschinell auswertbaren Datennetzwerks werden. Was darüber hinaus noch alles möglich ist, wenn Daten kreativ verknüpft werden, zeigt laut Müller die Arbeit der Teilnehmer*innen des Kulturhackathons „Coding da Vinci“: Mit dem Projekt „Linked Stage Graph“ wurden Aufführungsdaten von Theaterstücken am Stuttgarter Staatstheater in ein offenes Format überführt und mit weiteren im Netz zugänglichen Ressourcen wie Wikidata verknüpft.  Angesichts solcher Möglichkeiten sind Metadaten für Müller „der Feenstaub der Daten“, die es Kulturinstitutionen ermöglichen können, näher an ihre digitalen Nutzer*innen heranzukommen und mit ihnen in einen datengetriebenen und offenen Dialog zu treten. Gleichzeitig mahnt sie: „Das bedeutet aber gegebenenfalls auch, dass Kulturinstitutionen in der Interpretation dieser Daten nicht mehr die absolute Deutungshoheit haben werden.“

Text: Kai Schnier

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Herzlich Wilkommen bei kulturBdigital

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Termine

26

Nov

Vortrag von Franziska Ritter und Pablo Dornhege

Wie können digitale Technologien neue Zugänge zu Kulturerbe eröffnen?

Augmented Reality (AR) und Virtual Reality (VR) sind Technologien, die unsere bestehenden Kommunikationsräume ergänzen und neue Vermittlungsansätze fördern. Sie bieten neue Möglichkeiten immersiver, interaktiver und spielerischer Erfahrung, durch die ein breiteres, gerade auch jüngeres Publikum erreicht werden kann. Einige Kultureinrichtungen haben bereits Erfahrungen mit diesen Technologien gemacht, erste gute Anwendungen sind im Einsatz - viele Institutionen haben noch Berührungsängste oder schlichtweg keine personellen oder finanziellen Kapazitäten.

Engagieren Sie sich im Berliner Kulturbereich und haben Interesse, die Möglichkeiten digitaler Entwicklungen für sich zu erschließen?

Mit dem Projekt kulturBdigital möchte die Technologiestiftung Berlin mit Förderung der Senatsverwaltung für Kultur und Europa ein Forum und eine „Werkstatt“ bieten, Praxiswissen vermitteln, ausprobieren, Hemmschwellen abbauen und sparten- und einrichtungsübergreifend Kulturakteure befähigen, Digitales in der täglichen Arbeit mitzudenken.

Edmundo Galindo, Jessica Frost & Annette Kleffel (v.l.n.r.)
Edmundo Galindo, Jessica Frost & Annette Kleffel (v.l.n.r.) Kontakt