Bloß kein abgefilmtes Theater!

Szene aus dem Hauptsache Online Theaterfestival
Hauptsache Online, Foto: Imke Lass

Neue Theaterproduktionen erleben, diskutieren, Wissen teilen: Das Festival „Hauptsache Frei“ vernetzt die freie Szene und Kulturbegeisterte aus Hamburg – in der 6. Ausgabe erstmals rein digital. Susanne Schuster und Julian Kamphausen über den Schritt von der Bühne ins Web.

Susanne Schuster, gemeinsam mit Julian Kamphausen leitest du „Hauptsache Frei“. Was wäre eigentlich in der diesjährigen Festivalausgabe zu sehen gewesen?

Susanne Schuster: Wir hätten zwölf Hamburger Produktionen gezeigt – ergänzt durch ein Gastspiel aus Baden Württemberg – sowie fünf Inszenierungen der Nachwuchsplattform „We present“ vom Lichthof Theater. Begleitend war ein Rahmenprogramm zu verschiedenen Aspekten der freien darstellenden Künste geplant. Etwa der „Digital Track“, der sich mit digitalen Werkzeugen und Themen in der künstlerischen Arbeit befasst. Ziel des Festivals ist es, mit überregionalem Fachpublikum in Kontakt zu kommen, sich zu neuen Produktionen auszutauschen, aber auch das Hamburger Theaterpublikum einzuladen, neue ästhetische Formen kennenzulernen.

Am 13. März kam in Hamburg der Veranstaltungsstopp. Wie groß war bei euch da der Impuls für eine Schockstarre?

Susanne: Uns war sehr schnell klar, dass wir digital weitermachen wollen. Der Lockdown bedeutet für viele Künstler*innen schwierige Arbeitsbedingungen und finanzielle Ausfälle. Wir konnten es daher absolut verstehen, wenn die Sorgen gerade woanders sind. Wer aber Lust hatte, kreativ über eine digitale Festivalversion nachzudenken, sollte sich bei uns melden. Die Resonanz war total groß.

Gleichzeitig haben wir mit dem Trägerverein und Förder*innen des Festivals gesprochen. Es war uns äußerst wichtig, dass wir in einer so prekären Situation trotzdem Honorare auszahlen können. Man ist uns hierzu glücklicherweise mit sehr viel Kulanz begegnet.

Was war euer Ziel für die digitale Festivalvariante „Hauptsache Online“?

Susanne: Bei „Hauptsache Frei“ geht es darum, live gemeinsam Theater zu erleben. Alte Mitschnitte zu zeigen war keine Option. Stattdessen sollte sichtbar werden, wer die Menschen hinter den Produktionen sind. Wir haben die Künstler*innen eingeladen, eigene kreative Formate zu entwickeln, in denen sie ihre Arbeitsweise vorstellen.

Welches technische Basissetup habt ihr für „Hauptsache Online“ gefunden?

Julian Kamphausen: Ziel war es, ein größtmögliches Spektrum zwischen singulärem Senden und kollektivem Arbeiten bieten zu können. Interaktive Formate und Diskussionen haben wir daher über das Konferenztool Zoom abgewickelt und gleichzeitig unser Programm über YouTube gestreamt. Inspiration hierfür war die Akademie für Theater und Digitalität, die dieses Setup kurz zuvor bei ihrer Jahreskonferenz getestet hatte.

Habt ihr auch noch andere Tools evaluiert?

Julian: Webinar-Software gibt es in vielen Varianten – etwa Whereby, Edudip und die Open Source-Plattform Jitsi. Alle haben Vor- und Nachteile. Für uns entscheidend waren Stabilität, Funktionsumfang, Bezahlbarkeit und Faktoren wie ein niedrigschwelliges Anmeldeverfahren oder Browserkompatibilität.

Susanne: Wir hatten nur 14 Tage Zeit und mussten unsere technische Lösung auch noch mit den Künstler*innen testen. Mit Zoom hatten wir teamintern bereits Erfahrung: Man kann den Bildschirm miteinander teilen oder Breakout-Sessions eröffnen – also Untergruppen zur Arbeit im kleinen Kreis. Als Hilfestellung haben wir eine eigene Anleitung erstellt und Tutorialstunden veranstaltet.

Julian: Die Lernkurve war extrem steil – während am Anfang noch Fragen kamen wie „Wo ist noch mal das Mikro?“, ging es zum Schluss etwa darum, wie sich 360°-Videowalks realisieren lassen.

Susanne Schuster und Festival-Teilnehmer*innen, Foto: Imke Lass
Susanne Schuster und Festival-Teilnehmer*innen, Foto: Imke Lass

Was ist neben der Konferenzsoftware oder der Streamingplattform noch wichtig?

Susanne: Um den Stream flüssiger zu machen, haben wir die Meetings immer über einen Rechner eröffnet, der nicht über WLAN, sondern per Kabel ans Internet angeschlossen war. Für das Livestreaming empfiehlt es sich auch, einen eigenen Server zu kaufen, um eine hohe Uploadgeschwindigkeit zu gewährleisten. Für die Einrichtung sind eine fachkundige Betreuung und ein wenig Vorlauf notwendig.

Wie habt ihr den Ton eures Streams optimiert? Man kennt ja viele Störfaktoren: Interferenzen von Handys, Geräusch-Loops, leicht zeitversetzt durcheinander redende Teilnehmer*innen.

Susanne: Dringend empfiehlt sich ein Headset oder externe Kopfhörer. Vor Beginn einer Session haben wir alle stumm gestellt und dann die Redenden nach und nach zugeschaltet. Wer in einer Diskussionsrunde nicht spricht, sollte das Mikrofon aus lassen.

Was denkt ihr zu parallel laufenden Kommunikationswegen?

Susanne: Ich finde eine Kombination aus Kommunikationsmitteln toll, denn bestenfalls ermöglicht das eine tiefergehende Auseinandersetzung. In einem Gespräch werden manchmal Personen referenziert oder Webadressen erwähnt, die man gut aufgreifen und verlinken kann. Wer selbst nicht im Stream zu Wort kommen möchte, kann schriftlich im Chat nachfragen oder auch Gedanken in Direktnachrichten mit ausgewählten Teilnehmer*innen austauschen.

Das erhöht aber auch die Anforderungen an die Moderation…

Susanne: Definitiv. Vor jeder Veranstaltung wurden erst alle begrüßt und erklärt, was es mit dem Stummschalten und der Handhebe-Funktion auf sich hat. Viele Künstler*innen haben ihre Arbeiten vermittelt, indem sie Videos eingeblendet und kommentiert haben. Man muss als Sprecher*in kontrolliert den Ton freischalten, wenn man ein Video über den eigenen Bildschirm zeigt. Das ist technisch fehleranfällig. Ermöglicht man dazu noch einen Chat, ist der Koordinationsaufwand schon sehr hoch.

Wie habt ihr die Aufgaben verteilt?

Susanne: Eine Veranstaltung wurde immer von drei Teammitgliedern betreut: Für die inhaltliche Moderation, als Leitung des Chats und für die technische Koordination. Dazu gehörte etwa den Warteraum – eine Grundfunktion in Zoom – zu koordinieren, Personen einzuladen, mit unserer Anmeldeliste abzugleichen und dann in das Meeting zu lassen.

Julian: Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass ein Onlinefestival weniger personalintensiv ist, als ein analoges Festival.

Was waren besonders herausfordernde Momente?

Susanne: Zoom ist trotz der Vorteile nicht ohne Probleme – es ist nicht DSGVO-konform und hat Sicherheitslücken. Wir haben im Vorfeld alle Vorkehrungen getroffen, die uns bekannt waren. Dennoch gab es während des Festivals einen Angriff eines Zoom-Bombers, der seine Video- und Toneinstellungen missbraucht hat, um visuell Gewalt auszuüben. Zoom hat jetzt seine Standardeinstellungen angepasst. Dazu gehört, dass alle Meetings obligatorisch mit einem Zugangspasswort versehen werden.

Im Warteraum waren nur die Anmeldenamen der Teilnehmer*innen zu sehen. Wenn es keine Klarnamen sind, ist es schwer einzuschätzen, wer eigentlich dahinter steht. Nach dem Angriff haben wir eine Anmeldung per Mail vorgeschaltet, bei der die Teilnehmer*innen angeben sollten, mit welchem Namen sie sich einloggen.

Wie haben die Künstler*innen die Videokonferenzen für die Präsentation ihrer Produktionen genutzt?

Susanne: Es gab Gespräche zu existierenden Produktionen, aber auch Projekte, die live für „Hauptsache Online“ entstanden sind. Dazu gehörte eine Performance von DIE AZUBIS, die Aufgaben an das Publikum gestellt haben. Jede*r sollte die Kamera anschalten und wir sind in die Galerie-Ansicht gewechselt, so dass alle einander sehen und die Reaktionen beobachten konnten.

Ein anderes Format war die digitale Umsetzung von „FrontMan“ von Juliana Oliveira, die den Kult um die Figur des Frontmanns und den Exzess in der Rockmusik beleuchtet. Geplant war eigentlich eine Art Konzert-Performance. Das Team um Oliveira wurde stattdessen über die Galerie-Ansicht bei Zoom aus ihren jeweiligen Häusern zusammengeschaltet. Sie sind dort in verschiedene Rollen geschlüpft – die Perspektive des Lead-Gitarristen, des Groupie, des Management, usw. Am Ende hat das Publikum mitgejamt.

Zoom-Performance von „Frontman“, Foto: Imke Lass
Zoom-Performance von „Frontman“, Foto: Imke Lass

Welche Erfahrungen habt ihr mit den Diskussionen im Rahmenprogramm gemacht?

Julian: Die Interaktion mit dem Publikum hat in allen Formaten gut geklappt. Die Gespräche über die Produktionen waren geprägt von gutem Zuhören und echtem Austausch. Geholfen dabei hat sicher der Wechsel aus Gruppensitzung für Diskussionen und Break-out-Room für Workshops. Vielleicht lag es aber auch daran, dass die Menschen gerade zu diesem Zeitpunkt in ihrem Alltag absolutes Chaos erlebt haben und sich das erste Mal wieder über Kunst unterhalten konnten.

Ist die physische Distanz ein Problem in den Workshops?

Susanne: Einige Tools haben Funktionen für gemeinsames Arbeiten. In einem Workshop zum Thema „Familie und Freie Szene vereinbaren“ haben wir etwa am digitalen Whiteboard von Zoom gemeinsam Ideen gesammelt. Zusätzlich gibt es Apps, über die sich Mindmaps erstellen oder digitale Klebezettel platzieren lassen.

Julian: Der Chat reicht aber auch schon. Zum Beispiel hatten wir einen Workshop von Esther Pilkington, die sich in ihrer künstlerischen Forschung Prozessen des Ver- und Entsammelns widmet. Zunächst hat sie uns virtuell auf eine Exkursion zu einem Seemannsclub im Hamburger Hafen mitgenommen – einem Ort, an dem sich Menschen temporär versammeln, die sonst immer unterwegs sind. Die Reise zum Hafen ist Teil der site-specific-performance „Hello My Friend“, die das Wesen von Zusammenkünften in diesem Club untersucht. Ihr Methodenset hat Esther auf die Workshopteilnehmer*innen übertragen. Sie sollten ausgewählte Stellen in ihren Wohnungen im Video-Chat zeigen und reflektieren. Ihr Ansatz wurde also schnell in der praktischen Umsetzung klar.

Und wie stimmt man das externe Publikum auf das neue Festivalformat ein?

Susanne: Wir haben uns für unsere Webseite als Leitmedium entschieden. Hier sollte man alle Informationen finden – zu Themen und Terminen, zur Anmeldung. Pro Tag wurde ein Zoom-Link verwendet. Über die Website erhielt man also Zugang zu den Livetalks, zur Mediathek aber auch zu Mitschnitten, Texten und weiterem Material, das im Programm aufgegriffen wurde. Komplizierter war der Stream auf Youtube, den wir direkt über Zoom erstellt haben: Der Link entsteht erst mit Start des Streams – und lässt sich daher nicht vorab kommunizieren. Hier galt es sehr schnell zu reagieren und den Zugang gleich nach Freischaltung über die Website zu veröffentlichen.

Hat sich das Publikum im Vergleich zu den Vorjahren verändert?

Julian: Bei den letzten Ausgaben des Festivals hatten wir eine sehr hohe Nachfrage und zu wenig Kapazität. Eine Teilnahmesteigerung war jedoch nicht unser Primärziel dieses Jahr. Wir haben unsere Energie eher in die Organisation geeigneter Bedingungen für die Künstler*innen und Expert*innen gesteckt. Trotzdem hatten wir deutlich über 1000 singuläre Teilnehmer*innen, was super ist.

Susanne: Die Mediathek war noch länger online, da haben sich die Zugriffszahlen verdreifacht. Insgesamt war die Resonanz des Fachpublikums sehr gut und digital deutlich überregionaler, teils auch internationaler durch die Kontakte der Hamburger Künstler*innen. Digital konnten viele ihrer Kontakte einfacher teilnehmen. Schlechter erreicht haben wir leider die Menschen, die sonst in Hamburg einfach nur zu einer Vorstellung gekommen wären oder Stammpublikum der Veranstaltungsorte sind.

Hauptsache Frei Festival Hamburg als digitales Theaterfestival
Foto: Imke Lass

In den letzten Jahren konnte man die Produktionen nur mit Tickets sehen. Habt ihr über andere Bezahlmodalitäten nachgedacht?

Susanne: Das Festival finanziert sich nicht rein über Tickets und viele Kosten entfielen – z.B. Unterbringungen, Anreise. Wichtig war uns, die geplanten Honorare komplett zu bezahlen. Ein Viertel der Ticketeinnahmen geht aber jeweils an die Künstler*innen und die Spielstätten. Letztere können die Ausfälle gegenüber den Behörden kommunizieren, die Künstler*innen selbst aber leider nicht.

Julian: Wir haben uns zu Gunsten der Niedrigschwelligkeit gegen andere Bezahlmodi entschieden. Generell glaube ich aber, dass auch das Bezahlen im Netz funktioniert. Künstler*innen fangen jetzt an, intensiver mit Plattformen wie Patreon, Steady oder auch Twitch zu experimentieren.

Euer Fazit: Was sollte man digital lassen, was unbedingt machen?

Julian: Was gar nicht funktioniert, ist mittelgut abgefilmtes Theater – es sei denn, es handelt sich um eine wirklich lineare Erzählung mit hochinteressantem Stoff und sehr guter Videoaufzeichnung. Repräsentatives Schaulaufen – im Analogen etwa ein Politikauftritt oder Abendempfang – ist digital ebenfalls kaum reizvoll. Alle Formate für echten Wissenstransfer funktionieren dagegen erstaunlich gut – egal auf welcher Plattform.

Susanne: Einige Gruppen experimentieren bereits auf sehr spannende Art mit Chat-Diensten oder Gaming-Websites. Ich hoffe, dass sich Künstler*innen noch mehr auf schon existierende Online-Techniken und Ansätze der Online-Kunst einlassen und bin gespannt auf die neuen Seherfahrungen.

Die Fragen stellte: Silvia Faulstich

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