Mit Konzert-Streams allein ist es nicht getan

Elena Kountidou leitet die Kommunikation des Konzerthaus Berlin – aktuell ohne Live-Programm und bei geschlossenem Haus. Ein Gespräch über digitale Krisenformate, improvisierte Produktionsabläufe und alternative Verbreitungswege für klassische Musik.

Elena Kountidou
Elena Kountidou

Elena, unter dem Hashtag #KonzertzuHaus bündelt ihr eure digitalen Aktivitäten. Welche Formate setzt das Konzerthaus aktuell ein?

Wir bieten ein Spektrum aus sehr aufwändigen aber auch kleinen, spielerischen Formaten. Bereits am 18. März – also sechs Tage nach der Schließung – sind wir zum Livestreaming übergegangen. Außerdem können wir zum Teil auf unser Archiv zurückgreifen. Es enthält Konzerte, aber auch Dokumentationen wie zum Leben unseres Chefdirigenten Christoph Eschenbach.

Gleichzeitig testen wir im Rahmen der aktuell sehr eingeschränkten Produktionsbedingungen neue Formate oder entwickeln etablierte Ideen weiter. So präsentiert unser Orchester jeden Montag eine Playlist, die auf die aktuelle Stimmung reagiert. Da wir demnächst unser 200-jähriges Bestehen feiern, beschäftigen wir uns in unserem Blog zudem sehr stark mit historischen Aspekten – sei es die Architektur des Konzerthauses oder die Geschichte des Orchesters. Unser technischer Direktor führt außerdem regelmäßig digital durch das Haus, äußert sich zu Bauarbeiten und den einzelnen Sälen.

Für mich ein absolutes Herzensanliegen ist aber unser Mitmachangebot für Kinder. Es entsteht durch das Engagement unseres Orchesters und wird von zu Hause aus durch einzelne Musiker*innen aufgenommen.

Beispielsweise erstellen unser Solopauker und seine Frau, die Schlagzeugerin ist, mit sehr viel Liebe und Aufwand jede Woche im Garten und in der Küche Mitmachvideos mit Rhythmusrätseln, Anleitungen etwa zur Body-Percussion oder Abwaschkonzerten. Ein Bratscher spielt mit seiner Frau, einer Sopranistin, Kinderlieder ein, eine Cellistin bastelt mit ihrer Tochter und andere Musiker*innen haben Hörspiele zur Verfügung gestellt.

Video: Konzerthaus Berlin

In unserer Branche strebt man normalerweise danach, die bestmögliche Tonqualität und eine Perfektion im Zusammenspiel zu erreichen. Für viele dieser Videos weichen die Musiker*innen von dieser Maxime ab und filmen sich nun mit der Handykamera.

Wendet ihr euch anders an ein euer digitales Publikum als an die Besucher*innen vor Ort?

Wir möchten ein Haus für möglichst viele verschiedene Menschen sein – ob nun live oder digital. Das war auch schon vor Corona so. Daher bieten wir normalerweise vor Ort im Konzerthaus ein Spektrum an Angeboten für ganz unterschiedliche Interessen und Kenntnislevel: Von Sinfoniekonzerten über einstündige Espresso-Konzerte und Late-Night-Formate bis hin zu kürzeren Angeboten für Familien oder unser Format „Mittendrin“ um 18 Uhr, bei dem man mitten im Orchester Platz nimmt.

Auch digital versuchen wir uns möglichst divers aufzustellen. In den letzten Jahren haben wir etwa mit dem Virtuellen Konzerthaus zahlreiche digitale und immersive Angebote entwickelt. Für uns waren sie ein Mittel, um neue Publikumskreise an das Haus und an die klassische Musik heranzuführen. Es ging dabei stets um eine Ergänzung des Live-Erlebnisses durch neue Perspektiven, nicht um ein Ersetzen. Mit den Kontaktbeschränkungen hat sich die Ausgangslage verändert: Ein Vor-Ort-Erlebnis ist nicht möglich. Wie ist man weiter präsent und nicht einfach ein geschlossenes Haus? Unser Ziel ist es daher weiterhin, so viel Zugang zu klassischer Musik wie möglich zu schaffen, nur unter anderen Bedingungen. Wir möchten denen gerecht werden, die nur einmal kurz online bei uns durchflanieren, aber auch jenen, die länger verweilen wollen. Man kann sich daher einen Livestream eines Konzerts einfach nur anschauen. Für alle, die das Gesehene vertiefen möchten, bieten wir ergänzende Texte im Blog und eine digitale Werkeinführung, die jede Woche neu eingesprochen wird.

Für mich bedeutet ein ortsunabhängiges Angebot aber nicht automatisch, dass sich alles im Netz abspielt. Ein nicht zu unterschätzender Anteil unseres regulären Publikums – viele dieser Menschen sind über 70 – ist digital weniger aktiv und aktuell besonders isoliert. Wir haben deshalb Aktionen gestartet, bei denen ein persönlicher Kontakt im Zentrum steht. Ein Beispiel ist die Klassik-Hotline – das nächste Mal am 10. Mai 2020. Bei der ersten Hotline am Ostermontag konnten sich Menschen dabei in einer von uns bereitgestellten Werkliste Stücke aussuchen und eine*n Wunschmusiker*in benennen. Darauf aufmerksam gemacht haben wir per Post. Am Ostermontag wurden dann 89 Personen angerufen und erhielten ein kleines Privatkonzert von 15-20 Minuten. Einige Zuhörer*innen haben dabei vor Rührung geweint. Im Nachgang erhielten wir sehr freundliche Briefe und E-Mails, in denen viele ihre Wertschätzung dafür ausgedrückt haben, dass jemand sie anruft und ihnen ein Kulturerlebnis ermöglicht. Der Mensch-zu-Mensch-Kontakt bleibt also neben den vielschichtigen Online-Angeboten für uns wahnsinnig wichtig.

Gibt es auch Formate, die sich bereits überholt haben?

Unter dem Hashtag #reingehört hat das Orchester in einer Reihe von Videos im Splitscreen zusammengearbeitet – ein Format, das auch andere Orchester bereits nutzen. Am Anfang der Corona-Krise konnten wir damit ein Gefühl von Gemeinschaft zeigen. Generell konnte man in der Frühphase des Lockdown im Netz sehr viel Humoristisches entdecken. Inzwischen kippt die Stimmung: Diese ganz persönlichen, intimen Wohnzimmersituationen waren ungewohnt und hatten einen gewissen Reiz. Inzwischen sind sie aber leider notgedrungen ubiquitär. Ich glaube, dass sich die Menschen einfach nach gut produzierten Inhalten sehnen. Wir versuchen daher bei allem, was wir nun machen, qualitativ hochwertig zu arbeiten und einen Mehrwert anzustreben – natürlich im Rahmen dessen, was möglich ist.

Wie organisiert ihr euch bei der Erstellung all dieser Inhalte?

Wir sind eine Live-Institution und keine Digitalplattform, das bildet sich auch in der Personalstruktur ab. Wir als Kommunikationsabteilung allein würden es in der aktuellen Situation nicht schaffen, alle neuen Projekte so intensiv wie zuvor zu begleiten. Da es gerade nicht spielen kann, wollte das Orchester jedoch aktiv werden und sich in der Krise engagieren. Wir verteilen die Last derzeit deshalb auf viele Schultern: Mein Team plant und steuert die Produktionen, Kolleg*innen aus anderen Abteilungen unterstützen uns. Es gibt im Orchester gewählte Gremien – den Orchestervorstand, den künstlerischen Beirat, den Medienbeirat – aus denen sich Verantwortliche für bestimmte Themen gefunden haben. Wir haben zum Beispiel einen Beauftragten für Playlists, einen weiteren Beauftragten für Instagram Storys, einen für das Format #reingehört, usw. Sie organisieren das Orchester intern für die digitalen Initiativen. Sicher, einiges musste an manchen Stellen optimiert und gelernt werden. Im Großen und Ganzen muss ich aber wirklich sagen, dass unser Ansatz gut funktioniert.

Welche Rolle spielen Medienpartnerschaften für eure digitalen Angebote?

Medienpartnerschaften tragen natürlich zu Sichtbarkeit und Reichweite bei, sind aber auch aus Produktionsgründen extrem wichtig. Parallel zu den genannten Formaten treibt unser Intendant verschiedene künstlerische Projekte voran, die oft sehr kostspielige Premium-Produktionen sind. Auch das Online-Publikum will das gut aufgezeichnete, ansprechend gefilmte Konzert sehen. In einem Livestream, den wir in Kooperation mit dem rbb erstellen konnten, haben berühmte klassische Musiker*innen bei uns im Saal gespielt. Der rbb hat den Stream im Radio, seiner Website und seinen Social Media-Kanälen kostenlos zugänglich gemacht. Am Ostersonntag hatten wir mit Cameron Carpenter auch ein Konzert im Livestream bei ArteConcert. Selbst wenn wir künftig das ein oder andere künstlerische Projekt versuchen selbst zu produzieren, bleiben Medienpartnerschaften äußerst wichtig.

Livestream aus dem Konzerthaus Berlin 18.03.2020 – Lang Lang, Foto: Markus Werner

Digitale Kulturangebote waren in der klassischen Kulturpresse bislang eher ein Nischenthema. Wird sich das nun ändern?

Wir beobachten gerade nicht nur eine extrem gesteigerte Aufmerksamkeit für digitale Kulturangebote, sondern auch Offenheit für neue Kooperationsformen. Auch Abstimmungs- und Planungsabläufe haben sich in einigen Fällen beschleunigt – ein Nebeneffekt, der hoffentlich auch nach der Krise nachwirkt. Ich finde es toll, dass neben der neu initiierten Plattform Berlin.alive auch die Stadtmagazine und Zeitungen jetzt Stream-Konzerte ankündigen und diese teils mit Interviews begleiten. Wir haben zudem gerade eine Anfrage eines Magazins, das mit uns ein Instagram-Takeover plant. Sogar der sonst eher digital-konservative Feuilleton rezensiert inzwischen Online-Angebote.

Wenn man es sich als Institution leisten kann, hat man heute natürlich sehr viele eigene Kanäle und nutzt verschiedene Instrumente des Online-Marketings. Rundfunk, Presse und andere Multiplikatoren sind dennoch ungemein wichtig, damit wir auch jene Publikumskreise erreichen, die unsere Kanäle nicht nutzen. Gerade auf unsere Familienangebote erhalten wir gerade viele positive Zuschriften von Personen, die über Magazine wie TipBerlin darauf gestoßen sind.

ArteConcert greift bereits seit einigen Jahren ausgewählte Konzertaufnahmen auf. Und auch mit der Streaming-App IDAGIO oder Seiten wie Operavision und takt1 sind bereits spezialisierte Distributionsplattformen für klassische Musik entstanden. In der Krise kommen nun Sammelplattformen wie berlin.alive oder UnitedWeStream hinzu. Wird es also künftig wesentlich mehr digitale Spielpläne geben?

Je nach Strategie fallen die Art und der Umfang des Livestream-Angebots in den einzelnen Kulturinstitutionen anders aus. Die Philharmonie hat beispielsweise schon vor Jahren eine eigene Livestream-Plattform mit Abonnementstruktur aufgebaut. Daneben gibt es Webplattformen dezidiert für Konzert- oder auch Opern-Streams. Für viele Häuser war ein festes Streaming-Programm aber bislang keine Option, denn es ist ein nicht zu unterschätzender Kostenpunkt. Das Publikum ist neben einer hohen Tonqualität auch eine gewisse Kameraführung aus Film und Fernsehen gewohnt. Natürlich könnte man auch nur eine Kamera aufstellen und das Konzert rein aus der Totale senden. Sehr lange würde das aber viele Zuschauer*innen dann nicht interessieren. Man braucht also eine Mehrkameraführung und Regisseure, die nach Partitur schneiden können. Möchte man die Inhalte nicht über Fremdanbieter bereitstellen, sind eigene Plattformen nötig, deren Unterhalt ebenfalls Geld kostet. Auch die Frage der Rechteklärung und GEMA-Lizensierung ist in unserer Branche nicht zu unterschätzen. Derzeit zeigen Sender und Produktionsfirmen eine große Flexibilität, um 24-Stunden-Streams zu ermöglichen. Unter normalen Umständen wäre das rechtlich problematisch. Es ist also schwer, an diesem Punkt einen Trend zu beschreiben.

Freiwillige Spenden, Social Payment-Services, VoD-Dienste mit Aboschranken, Pay per View – derzeit lassen sich mehrere Ansätze zur Monetarisierung von Online-Kulturangeboten beobachten. Was denkst du über die Einnahmengenerierung über digitale Programme?

Das ist eine Frage, die schon vorher kontrovers diskutiert wurde und auch aktuell umstritten ist. Die Antwort hängt natürlich von der Strategie des eigenen Hauses ab. Ein Vor-Ort-Konzert erreicht nur einen kleinen Kreis. Gerade für öffentlich geförderte Einrichtungen ist es aber wichtig, einen möglichst großen Zugang zu schaffen. Bietet man das Online-Erlebnis kostenlos an im Sinne der kulturellen Teilhabe derer, die nicht das Geld für ein Livekonzert haben, muss es die finanziellen Mittel dafür geben. Mit einer Bezahlschranke im Netz weist man nämlich potentiell gerade die Personen ab, die man eigentlich erreichen möchte. Es gibt aber auch Stimmen, die sagen, es entwerte die Kunst, wenn alles immer umsonst ist. Gerade aus der Position vieler Freischaffender ist das verständlich: Warum sollen sie bei einem Konzert in einem Saal bezahlt werden, bei einem Online-Auftritt aber nicht?

Ich denke, Kulturschaffende und Institutionen müssen sich positionieren und in beiden Fällen genau klären, woher die finanziellen Mittel kommen. Ist es beispielsweise explizit politischer Wille, eine möglichst große Teilhabe zu erreichen, bedarf es entsprechender Förderung. Ist dem nicht der Fall, müssten die Häuser ihr Budget anders aufteilen – in vollem Bewusstsein, dass dies zu Lasten anderer Bereiche gehen würde, beispielsweise in der Gestaltung des Live-Programms. Das wiederum kann nach sich ziehen, dass Ticket-Einnahmen fehlen, die zur Finanzierung des Hauses benötigt werden. Es ist also ein recht komplexes Feld. Meine ganz persönliche Meinung ist, dass gerade öffentlich geförderte Kulturinstitutionen einen Bildungsauftrag haben. Einen großen Teil ihrer Digitalangebote sollten sie daher kostenfrei zur Verfügung stellen.

Was wird aus der aktuellen Zeit bleiben?

Wir brennen natürlich darauf, bald wieder live auftreten zu können. Das Erlebnis vor Ort ist einfach essentiell und die Leidenschaft des Konzerthauses. Ich hoffe aber, dass die intensivierte, abteilungsübergreifende Zusammenarbeit an Online-Inhalten bestehen bleibt. Und ich hoffe auch, dass wir die derzeit erfolgreichen Formate beibehalten und nach Rückkehr in die Saison auch mit dem Live-Erlebnis stärker vernetzen können. Dazu gehört zum Beispiel ein größeres Kinderangebot.

Für unsere Sparte wäre generell – so es die finanzielle Situation zulässt – ein Ausbau der Online-Kompetenzen und Infrastrukturen wünschenswert. Ich hoffe in der Branche verankert sich durch die aktuelle Lage das Bewusstsein, dass auch für Kulturinstitutionen digitales Know-how und digitale Angebote wichtig sind.

Die Fragen stellte: Silvia Faulstich