Von digitalen ‚Zwillingen‘ & virtuellen Eigenwegen: digitaler Kulturbetrieb in Corona-Zeiten

Ein digitales Theaterfestival, das trotzdem reale Räume öffnet; eine Galerie, die schon bei der Planung von einem „digitalen Zwilling“ flankiert wird. „Radar Ost“ am Deutschen Theater und die „Prater Galerie“ sind Beispiele dafür, wie Kulturschaffende die Krise für mehr digitale Zugänge zur Kultur genutzt haben.

Ein Festival – noch mehr ein internationales Festival – ist ein Ort des Austauschs und der Begegnung. Gemeinsam besuchte Vorführungen gehören genauso dazu wie ein Absacker an der Festivalbar. Das Deutsche Theater stand vor der Herausforderung, das für den Juni 2020 geplante Festival „Radar Ost“ mit Beiträgen aus der Ukraine, Russland, Polen, Georgien, Tschechien und Ungarn komplett ins Digitale zu verlegen.

Video: Technologiestiftung Berlin Movact

Dabei habe man sich vorab auf fünf Prämissen verständigt, berichtet Birgit Lengers, Leiterin des Junges DT und des DT International:

  • Das digitale Festival muss eine räumliche Struktur haben. Die Inhalte sollen nicht als Mediathek verfügbar sein, sondern im Theater verortet werden.
  • Dabei sollte das Festival trotzdem eine eigene Ästhetik haben und nicht einfach nur fotorealistisch die Räume abbilden.
  • Der Zugang zum Festival soll in mehrfacher Hinsicht niedrigschwellig sein d.h. die Inhalte sollen für alle Endgeräte funktionieren. Es gibt Erklärvideos zur Nutzung der Navigation. Fremdsprachige Aufführungen werden ins Deutsche und Englische übersetzt. Der Zugang ist (anders als beim analogen Festival) kostenlos.
  • Die eingeladenen Künstler:innen sollten ihre Aufführungen für den digitalen Raum adaptieren d.h. Stücke wurden gekürzt, für die Kameraperspektive eingerichtet oder per Green Screen in die digitalen Räume des DT verlegt.
  • Es muss wie bei einem analogen Festival vielfältige Möglichkeiten zum Austausch z.B. über Chats geben oder in einem Chat-Raum (hier über die Plattform HIGH FIDELITY). Um den Eindruck eines gemeinsam geteilten Festivalraums zu verstärken wurden einige Stücke nicht On-Demand, sondern ausschließlich in Echtzeit gezeigt.

Mehrwert zum analogen Besuch

Die Umsetzung all dieser Prämissen übernahm das Kollektiv CyberRäuber. Dabei wurden auch Theaterräume zugänglich gemacht, die Besucher:innen während eines normalen Festivals nicht zu Gesicht bekommen wie die Unterbühne und die Schauspielergarderobe. Die Nutzer:innen konnten verschiedene Routen durch das digitale Gebäude einschlagen und sich so durch das Festivalgeschehen treiben lassen. Wer gezielt eine Aufführung sucht, kann sich an einem Gebäudegrundriss orientieren, berichtet Mitbegründer Marcel Karnapke.

digitaler Kulturbetrieb: Birgit Lengers (Deutsches Theater) über das Online-Festival RadarOst Digital
Birgit Lengers (Deutsches Theater), , Foto: Gregor Fischer, CC BY 4.0
Birgit Lengers (Deutsches Theater) und Marcel Karnapke (Cyber Räuber)
Analog & digital dabei: Birgit Lengers (Deutsches Theater) und Marcel Karnapke (Cyber Räuber), Foto: Gregor Fischer, CC BY 4.0

Das Fazit von Brigit Lengers nach drei digitalen Festivaltagen ist positiv. „Wir haben mit Radar Ost deutlich mehr Zuschauer:innen erreicht, als im analogen Raum möglich gewesen wäre, ein Drittel aus dem Ausland.“ Aber einige Baustellen bleiben: „Die Interaktionsmöglichkeiten könnten noch ausgebaut werden. Außerdem stellt sich die Frage, wie solche digitalen Festivals monetarisierbar sein können.“

Digitaler Kulturbetrieb als Normalzustand

Bei der Prater Galerie, die derzeit an dem geschichtsträchtigen Standort in der Kastanienallee nach langen Jahren der Schließung und Sanierung gebaut wird, ist ein digitaler Zwilling von Anfang an mit eingeplant. Tina Balla (Fachbereichsleiterin Kunst und Kultur), die im Bezirksamt Pankow die Entstehung der Galerie begleitet, will die Galerie im Netz und im Kiez zugleich verorten. Ein Wagnis, das durch einen spartenübergreifend besetzten Beirat unterstützt wird. Die künstlerische Leitung des „prater.digital“ hat Julian Kamphausen übernommen. Der digitale Raum solle den realen Raum der Galerie abbilden, aber gleichzeitig wandelbar bleiben, erklärte er. „Wir verzichten auf optische Gimmicks, um die Zugänglichkeit auch mobil und mit geringer Bandbreite möglich zu machen.“

Video: Technologiestiftung Berlin / Movact

Eine weitere Vorgabe ist der Verzicht auf kommerzielle und datenschutzbedenkliche Software. Auf Basis dieser Vorgaben sind drei virtuelle Galerieräume entstanden, in denen sich bis zu 25 Besucher:innen aufhalten und miteinander kommunizieren können. Die Orientierung in der VR-Experience läuft vor allem über die Raumakustik. Ob und wie das funktioniert, können eingeladene Künstler:innen seit Dezember 2020 in Showcases und Raumbesichtigungen ausloten – geleitet von Fragen wie:

  • Wie kann die strikte Hierarchie von Onlineformaten umgebaut werden?
  • Wie erforschen wir potenzielle digitale Ungehorsamkeit?

Damit bringt der digitale Zwilling auch Sichtbarkeit für die analoge Galerie, die erst im Frühjahr 2021 eröffnet wird. Und auch andere Institution auf der Suche nach einem digitalen Zwilling sollen von der Vorarbeit profitieren: Die Arbeitsschritte werden dokumentiert und von Partnerorganisationen begleitet, die als Wissensspeicher fungieren.

Text: Franziska Walser

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