Disrupting Culture? Digitale Transformation in der Kultur

Neue (Unterhaltungs)plattformen werden zu Treibern von Veränderung – auch für den Kulturbereich. Nicolas Zimmer (Technologiestiftung Berlin), spricht auf der kulturBdigital-Konferenz 2018 über die digitale Transformation im Kultur-Betrieb.

Nicolas Zimmer über die digitale Transformation im Kulturbereich
Foto: Jeanette Dobrindt

Nicolas Zimmer, Vorstandvorsitzender der Technologiestiftung Berlin, beginnt seinen Vortrag mit klaren Worten: „Ich bin vieles, aber bestimmt kein Künstler. Mein Thema ist die Infrastruktur.“ Ganz bewusst hat Zimmer das Buzzword „Disruption“ in den Titel seines Vortrags genommen, weil das Prinzip auch auf den Kulturbetrieb angewandt funktioniert.

Disruption beschreibt eine Produktentwicklung, die sich nicht an den Wünschen der Kund*innen oder des Publikums orientiert – und sich damit limitiert. Es geht um Techniken und Anwendungen, die sich zuerst in einer Nische entwickeln, langfristig aber zu weitreichenden Änderungen führen. Das bekannteste Beispiel für Disruption, die Verbreitung der Smartphones, nahm vor gut 10 Jahren mit dem ersten iPhone seinen Anfang. Die Folgen der digitalen Transformation sind gravierend und betreffen auch die etablierten Kultur-Einrichtungen.

Nicolas Zimmer auf der kulturBdigital-Konferenz 2018, Video: Bollemedia TV- und Videoproduktion

Theater, Opern, Museen und Konzerte sind in der Statistik der Freizeitbeschäftigungen weit abgeschlagen hinter „online surfen“ und „social networks“.

Statistik beliebter Freizeitbeschäftigungen
Quelle: Statista 2017

Die Produktion von Inhalten ist dabei längst nicht mehr „Profis“ wie Schauspieler*innen, Musiker*innen oder Journalist*innen vorbehalten. „Es ist die Stunde der Amateure“, sagt Nicolas Zimmer. „Man könnte auch sagen: die Stunde der Macher.“ Diese Macher*innen haben gegenüber konventionellen Kultureinrichtungen den Vorteil, dass sie die Infrastruktur von Plattformen wie YouTube nutzen, um ihre Kreativität auf den Markt zu bringen. Abrechnung, Vermarktung, Computerleistung – um all das kümmern sich die Plattformen zu erschwinglichen Beträgen. Die Masse macht’s.

Ähnliche Plattformen, die es Kulturinstitutionen ermöglichen würden, sich auf das Wesentliche – die Inhalte – zu konzentrieren, gibt es nicht. Auch die Verwendung von Open Source-Produkten, die gemeinsam entwickelt und geteilt werden, ist wenig ausgeprägt. Man nutzt, was man kennt, und verzichtet dabei auf viele Vorteile.

Der Kulturbetrieb konkurriert mit neuen Angeboten wie YouTube oder Netflix um die begrenzte Ressource der Aufmerksamkeit des Publikums. Es stellt sich die Herausforderung, zwischen den durchschnittlich 6000 Informationen, die am Tag auf einen Menschen einprasseln, ins aktive Bewusstsein vorzudringen. Plattformen wie Netflix nutzen dafür ausgefeilte Personalisierungsstrategien. So gibt es beispielsweise für eine Serie mehrere Teasergraphiken, die je nach Kundenprofil angepasst und angezeigt werden. Von so einem Aufwand sind die Kulturinstitutionen weit entfernt. Weniger als die Hälfte der 322 Berliner Kultureinrichtungen verwendet auf ihren Internetseiten Metatags, noch weniger nutzen Analysetools, um etwas über die Nutzer*innen herauszufinden.

Verwendung von Metatags in Berlienr Kulturwebsites
Verwendung von Metatags (eigene Darstellung von Nicolas Zimmer)

Das hat zur Folge, dass diese Webauftritte nicht nur nicht an das Publikum angepasst werden können. Es heißt, dass die Webseiten so gut wie unauffindbar sind. Hier muss möglichst schnell ein Umdenken stattfinden, denn was nützt eine aufwendig gestaltete und gepflegte Webseite, wenn sie die Zielgruppe nicht erreicht? Wer hier Zeit spart, spart am falschen Ende.

Meine Take away Message ist deshalb: Wenn wir wollen, dass Kunst und Kultur wahrgenommen werden und sich behaupten können, dann bleibt kein anderer Weg als der Weg über die Daten. Denn wie Brecht sagt: Die im Dunkeln sieht man nicht.

Text: Franziska Walser

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