Resümee der Konferenz „kulturBdigital – Digitale Entwicklung des Kulturbereichs“

23. Januar 2019

300 Vertreter*innen der Berliner Kulturszene, die sich mitten im Produktionsstress einen Tag Zeit nehmen, um sich mit der Bedeutung von Digitalisierung für ihre Arbeit zu befassen. Das ist in sich schon ein Statement. Die rege Publikumsbeteiligung und die Gespräche während der Veranstaltungspausen haben gezeigt: Es gibt Redebedarf und die Akteure der Kulturszene haben Lust mitzureden.

Bis jetzt haben die meisten Häuser versucht, die sich rasant ändernden Anforderungen durch die Digitalisierung als Einzelkämpfer zu meistern. Sie haben Webseiten gepflegt, Zeit und Energie in die Digitalisierung von analogen Kulturgütern gesteckt und neue Formate ausprobiert. Am Berliner Ensemble hatte im September das Stück „Die Parallelwelt“ Premiere. Eine Simultanaufführung, bei der sieben Schauspieler*innen des Berliner Ensembles und des Schauspiel Dortmund zeitgleich miteinander Theater spielen. Verbunden in Echtzeit durch ein Glasfaserkabel, das Bilder und Töne in Lichtgeschwindigkeit über 420,62 Kilometer Luftlinie zwischen Dortmund und Berlin hin- und hertransportiert.

Digitale Experimente wie dieses gibt es immer mehr, aber zu oft entstehen sie aus dem Enthusiasmus Einzelner und bleiben damit Inseln im regulären Spielplanbetrieb. Wenn Digitale Innovation im Kulturbetrieb die Regel werden soll, das haben die Vorträge und die Diskussion bei der Konferenz kulturBdigital gezeigt, dann müssen sich Arbeits- und Denkweisen grundlegend ändern.

Nicolas Zimmer und Dr. Sebastian Meier von der Technologiestiftung Berlin appellierten in ihren Vorträgen an einen anderen Umgang mit Daten. Metatags für Suchmaschinen und Analysetools für Webseiten sind nur einige der Punkte, an denen die wertvolle Zeit von Kulturarbeiter*innen gut investiert ist: „Hier muss möglichst schnell ein Umdenken stattfinden, denn was nützt eine aufwendig gestaltete und gepflegte Webseite, wenn sie die Zielgruppe nicht erreicht? Wer hier Zeit spart, spart am falschen Ende“, sagt Nicolas Zimmer, Vorstandsvorsitzender der Technologiestiftung Berlin. Außerdem müsse man sich Gedanken machen, wie man den Plattform-Gedanken für die Berliner Kultureinrichtungen nutzbar macht.

Katrin Glinka vom Projekt museum4punkt0 plädiert für einen institutionenübergreifenden Austausch in dem auch das „Risiko“ eingegangen wird, etwas Unfertiges oder womöglich Gescheitertes zu zeigen. In der Start Up Szene seien dieser Austausch von Zwischenergebnissen und am Nutzer orientierte Design-Thinking-Prozesse die Regel. Mit museum4punkt0 hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz eine Struktur geschaffen, die über Institutionengrenzen hinweg agiert und auch ein Vorbild für andere Sparten sein kann.

Susanne Schuster und Philip Steimel, die als Freie Theatermacher mit digitalen Techniken wie Algorithmen oder Computerspielelementen arbeiten, berichten in ihren Vorträgen von der inhaltlichen Bereicherung, die Digitale Innovation in den performativen Künsten freisetzen kann. Sie erläutern aber auch die großen Unterschiede zwischen Freier Szene und den etablierten Häusern und stellen die Frage, wie statt einer „Digitalisierungspanik“ ein digitales Selbstbewusstsein entstehen kann. Nur dann könne Kultur auch inhaltlich eine Stimme sein, die mitredet, wohin sich unsere digitalisierte Gesellschaft weiterentwickelt.

Prof. Dr. Thorsten Koch vom Zuse Institut Berlin berichtet von eindrucksvollen Erfolgen des Berliner „Förderprogramm Digitalisierung“: Seit der Gründung 2012 wurden über eine Million analoge Kulturgüter von der Urkunde bis zum Dinosaurierknochen digital erfasst und so für die Nachwelt gesichert. Ein Datenschatz, dessen Nachnutzung viele Potentiale für Kulturinstitutionen bietet, zum Beispiel in der Ausstellungsgestaltung und Datenvisualisierung.

Kultursenator Dr. Klaus Lederer betonte in seinem Vortrag zum Innovationsfonds und in der darauffolgenden Diskussion, wie tiefgreifend der Mentalitätswandel ist, der sich in Kulturinstitutionen vollziehen muss: „Kultureinrichtungen sind nicht für sich selbst da, sondern für die die dahingehen. Und für die, die potentiell hingehen könnten, das aber nicht tun.“ Digitale Innovation könne den Weg zu einer barrierefreien Kulturvermittlung eröffnen, sagt Klaus Lederer. Die Aufgabe der Digitalen Entwicklung im Kulturbereich sei auch vom finanziellen Aufwand weit umfassender, als die Mittel des Innovationsfonds. Mit den für das Projekt kulturBdigital vorgesehenen Summen von insgesamt 750.000 Euro für die Jahre 2018 und 2019 wolle man erst mal vorfühlen, wo die Bedarfe sind. Das Geld solle nicht für Digitale Infrastruktur wie schnellere Rechner oder halbe Social-Media-Stellen ausgegeben werden, sondern für Projekte mit Modellcharakter. „Es geht auch darum zu verhandeln, in welcher digitalen Welt leben wir eigentlich?“.