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Ideen spinnen, Bauen, Mikrofon justieren: Partizipative Bildung im digitalen Werkstattformat

26. Mai 2020

„Es gibt nichts, was man nicht bauen kann!“ – so heißt es üblicherweise in der Offenen Werkstatt der Technologiestiftung im CityLAB. Wie aber überträgt sich ein Veranstaltungsformat ins Digitale, das auf einem ausgeprägten hands on-Ansatz basiert?

Besucher*innen in der Offenen Werkstatt
So gerade nicht möglich: Offene Werkstatt, Foto: Virna Setta

Digitale Straßenmusik und GPS-Tracker fürs Haustier, LED-verstärkte Fahrräder oder sensorgesteuerte Bewässerung für pflegehungrige Fensterpflanzen:  In der „Offenen Werkstatt“ der Technologiestiftung Berlin können Berliner Bürger*innen mit selbst-gecodeten digitalen Tools und Hardware am digitalen Stadtleben der Zukunft tüfteln. Das partizipative Bildungsformat setzt dabei auf Methoden der Elektrotechnik und Informatik.

Jeden letzten Freitag im Monat heißt die Veranstaltungsreihe Technikenthusiasten und Maker*innen in der Werkstatt im CityLAB willkommen – unter normalen Umständen. Denn seit dem Corona-Lockdown ist auch das analoge Veranstaltungsprogramm der Technologiesiftung eingeschränkt. Wie sie Macher*innen und Technikinteressierten nun digital einen Raum zum Experimentieren bieten, erzählen die Veranstaltungsleiterinnen Carolin Clausnitzer und Sara Reichert.

 

Ihr erarbeitet gerade neue Veranstaltungsformate aus dem Homeoffice. Wir tauscht ihr euch aus der Distanz kreativ aus?

Carolin Clausnitzer: Jour Fixe und generelle Absprachen im Team erledigen wir größtenteils mit dem Open Source-Kollaborations- und Clouddienst Nextcloud oder auf kurzem Weg mit dem Messenger-Tool Slack. Für die kreative Zusammenarbeit ist es jedoch gar nicht so leicht, ein Tool zu finden, das alle gern mögen. Aktuell nutzen wir für unser Brainstorming die Software Miro. Man kann sie auch sehr gut für virtuelle Design Thinking-Sprints einsetzen. Für die Projektentwicklung, besonders mit externen Partnern, sind wir inzwischen begeistert von Nuclino (ein Startup aus München). Dort kann man etwa hinsichtlich der gemeinsamen Projektentwicklung in wichtige Punkte untergliedern (z.B. Recherche, Beschreibung, technische Details, Zeitplan etc.) und auf diesen Ebenen separat arbeiten. Am Ende wird dann alles in einem Produktionsplan zusammengefasst. Für den administrativen Projektüberblick nutzen wir wie bisher unsere selbstgebauten Word- und Excel-Templates auf unserem Server. Man kann richtig geniale Retro-Templates damit bauen, die funktional und überhaupt nicht langweilig sind – ich würde sie schon fast als „stylisch“ bezeichnen.

 

Welche technische Lösung habt ihr zur Umsetzung eurer digitalen Werkstatt gefunden?

Sara Reichert: Wir setzen auf Videokonferenzen. Für die Wahl des Tools verfolgen wir natürlich die aktuellen Ereignisse und bevorzugen eine DSGVO-konforme Open Source-Lösung. Anforderung für uns war, dass die Teilnehmer*innen möglichst barrierefrei und ohne Registrierung den Online-Veranstaltungen beitreten können. Aktuell nutzen wir deshalb die quelloffene Software Jitsi Meet. Für uns war sie auch attraktiv, weil man eine zusätzliche Kameraquelle einbinden kann – z.B. für den Blick auf den Arbeitstisch. Gerade für Workshops ist das sehr praktisch. Zur Unterstützung empfehlen wir ein Headset. Dann hat man uns direkt am Ohr, ist etwas abgeschirmt von den Geräuschen des Alltags und sendet nicht so viele Nebengeräusche an die anderen Teilnehmer*innen.

 

Die Werkstatt lebt normalerweise von einem hands on-Ansatz mit Materialien, die am Veranstaltungsort im CityLAB bereitstehen. Wie geht ihr aktuell damit um, dass die Teilnehmenden aus dem Lockdown heraus nur einen sehr begrenzten Zugang zu Equipment und Materialien haben?

Carolin: Normalerweise stellen wir für unsere Workshops digitale Hardware aus der Hacking Box (Microcontroller, Steckbrett, Motoren, Sensoren, LEDs & Co) zur Verfügung. Die Werkstatt-Sessions haben thematischen Bezug zu unterschiedlichen Stadtthemen. Je nach Fokus stellen wir jeweils passende Boxen zusammen. Aufgrund unseres großen Fundus leihen wir einen Teil unseres Bestands auch an Schulen, Vereine und Initiativen für eigene Veranstaltungen aus (wichtig dabei ist die Gemeinnützigkeit), was auch gern in Anspruch genommen wird. Nun können wir angesichts der aktuellen Situation die Technik nicht ausleihen, da wir sie danach desinfizieren müssten und sie so wahrscheinlich unbrauchbar machen würden.

Hacking-Box in verschiedenen Varianten, Foto: Carolin Clausnitzer

Carolin: An dieser Stelle mussten wir erfinderisch werden, improvisieren und auf einen Fundus des Alltäglichen umsteigen – Dinge, die jeder in seinem Umfeld finden kann. Natürlich folgt uns bei unseren Veranstaltungen auch die Werkstatt-Community, die bereits einige der Workshops vor Ort bei uns besucht und die entsprechende Hardware zu Hause hat. Wir haben es bisher so gelöst, dass es zunächst einen einfachen gemeinsamen Bauteil gibt – das waren bei unserer Veranstaltung „Offene Werkstatt @CityLAB: Maskenball (online)“ Ende April einfache Visiere unter Verwendung von Prospekthüllen, Draht und gezeichneten oder gedruckten Outlines von Lieblingshelden oder -tieren. Danach folgte der Elektronikteil, im Rahmen dessen diese einfachen Prototypen mit Elektronik angereichert wurden – vom Abstandshalter bis zur blinkenden Einhorn-LED waren der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Man konnte entweder zugucken und die Ergebnisse bestaunen, oder selbst tätig werden. Die Methode ist bisher gut angekommen.

 

Wie garantiert ihr darüber hinaus einen reibungslosen Ablauf?

Sara: Um das Onboarding der Teilnehmer*innen zu erleichtern, bitten wir in unseren Veranstaltungsankündigungen – ob über die Kanäle der Stiftung oder auch externen Plattformen wie Meetup – um eine Anmeldung. Die Angemeldeten erhalten einen Teilnahmelink zu Jitsi – entweder per E-Mail oder auch automatisiert über Meetup, wo wir als Veranstalterinnen den passenden Link hinterlegen können. Im Vorfeld versenden wir auch eine Netiquette, welche über Browserart, Einsatz des Mikros, Möglichkeiten des Videotools etc. informiert. Dies hat sich insbesondere bei Teilnehmer*innen bewährt, die noch nicht so viel Erfahrung in der Nutzung von Videokonferenz-Tools haben. Zudem müssen die Teilnehmer*innen vor der Veranstaltung ihren Arbeitsplatz vorbereiten und einige Dinge zurechtlegen. Dazu erhalten sie von uns nach der Anmeldung ebenfalls entsprechende Informationen und eine Materialliste.

Carolin: Für die Durchführung des eigentlichen Online-Workshops kommen bei uns etwa zwei Betreuungspersonen auf fünfzehn Teilnehmer*innen – das ist doppelt so viel wie bei einem Workshop vor Ort, aber absolut notwendig. Der/die Workshopleiter*in führt praktisch durch die Veranstaltungen – macht Live-Demos und begleitet die entstehenden Projekte der Teilnehmer*innen mit Blick auf die angesetzte Zeit. Im Vorfeld erarbeiten wir hierzu für den Workshop ein Script, in dem jeder Arbeitsschritt auch zeitlich verankert ist.

Sara: Als Hilfsmittel spielen wir während der „Stillarbeitsphasen“, das heißt wenn konzentriert gebaut wird, YouTube-Videos ein (z.B. MacGyver) und haben den guten alten Timer vom Design Thinking wiederentdeckt. Der/die Communitybetreuer*in kümmert sich um den Chat, um die Dokumentation (sehr wichtig!) und die Vernetzung der Teilnehmer*innen während der Veranstaltung – natürlich datenschutzkonform. Es geht uns vor allem auch um einen klugen thematischen Diskurs während der Session. Wir greifen Hinweise der Teilnehmer*innen auf und bringen relevante Beispiele aus Kunst und Kultur, Architektur und Technikgeschichte mit ein.

Carolin: Zusätzlich hat sich der Bedarf ergeben, dass Teilnehmer*innen auch gern intensiver über weitere eigene (Hardware-)Projekte mit uns sprechen möchten. Deshalb bietet Sara jetzt im zweiwöchigen Turnus das „Offene Ohr“ als Online-Format für einen lockeren Austausch mit Einzelpersonen (z.B. Lehrer*innen) oder Kleingruppen (wie z.B. Kinder mit ihren Eltern, Künstlergruppen) an. Die Teilnehmer*innen erhalten von uns vorab jeweils einen eigenen Slot im virtuellen Konferenzraum mit Anmeldelink.

 

Wie sieht es mit der Aufmerksamkeitsspanne eurer Teilnehmer*innen online aus?

Carolin: Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass wenn sich Teilnehmer*innen einmal für unsere Veranstaltung angemeldet haben, sie auch wirklich dabei sind. Das mag daran liegen, dass unsere Formate meist hands-on und interaktiv sind, d.h. wir beziehen die Teilnehmer*innen direkt mit ein und begleiten sie bei der Entstehung ihres eigenen Projekts. Nur etwa 20% der Teilnehmer*innen hören während der Session nur zu oder sind weniger aktiv – das erkennt man aber nicht unbedingt am ausgeschalteten Video. Es gibt auch superaktive Teilnehmer*innen, welche die Chatfunktion als Kommunikationsebene nutzen und entsprechend von unserem/er Communitybetreuer*in mit einbezogen werden. Wenn Teilnehmer*innen später dazukommen oder den Raum verlassen, kündigen sie das meist an – abgesehen von technischen Problemen, dann sind sie meist wenig später wieder online. Einmal aus- und einloggen kann wahre Wunder bewirken.

 

Sara: Wenn jemand sich wirklich nicht mehr einloggen kann, kommunizieren wir im Nachgang die Ergebnisse (z.B. via GitHub) und schicken ggf. noch eine Anleitung zu. An den Veranstaltungsablauf halten wir uns möglichst genau, um Chaos zu vermeiden. Das heißt aber nicht, dass wir nicht auch einmal davon abweichen können – auch das Unvorhersehbare kann spannend sein! Die Konzeption von Online-Veranstaltungsformaten ist auch für uns eine kleine Reise und wir teilen gern unsere Erfahrungen.

 

Die Fragen stellte: Silvia Faulstich

 

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Bloß kein abgefilmtes Theater!

20. Mai 2020

Neue Theaterproduktionen erleben, diskutieren, Wissen teilen: Das Festival „Hauptsache Frei“ vernetzt die freie Szene und Kulturbegeisterte aus Hamburg – in der 6. Ausgabe erstmals rein digital. Susanne Schuster und Julian Kamphausen über den Schritt von der Bühne ins Web.

Festival Hauptsache Frei digitale Variante Hauptsache Online Laptopansicht

Susanne Schuster, gemeinsam mit Julian Kamphausen leitest du „Hauptsache Frei“. Was wäre eigentlich in der diesjährigen Festivalausgabe zu sehen gewesen?

Susanne Schuster: Wir hätten zwölf Hamburger Produktionen gezeigt – ergänzt durch ein Gastspiel aus Baden Württemberg – sowie fünf Inszenierungen der Nachwuchsplattform „We present“ vom Lichthof Theater. Begleitend war ein Rahmenprogramm zu verschiedenen Aspekten der freien darstellenden Künste geplant. Etwa der „Digital Track“, der sich mit digitalen Werkzeugen und Themen in der künstlerischen Arbeit befasst. Ziel des Festivals ist es, mit überregionalem Fachpublikum in Kontakt zu kommen, sich zu neuen Produktionen auszutauschen, aber auch das Hamburger Theaterpublikum einzuladen, neue ästhetische Formen kennenzulernen.

 

Am 13. März kam in Hamburg der Veranstaltungsstopp. Wie groß war bei euch da der Impuls für eine Schockstarre?

Susanne: Uns war sehr schnell klar, dass wir digital weitermachen wollen. Der Lockdown bedeutet für viele Künstler*innen schwierige Arbeitsbedingungen und finanzielle Ausfälle. Wir konnten es daher absolut verstehen, wenn die Sorgen gerade woanders sind. Wer aber Lust hatte, kreativ über eine digitale Festivalversion nachzudenken, sollte sich bei uns melden. Die Resonanz war total groß.

Gleichzeitig haben wir mit dem Trägerverein und Förder*innen des Festivals gesprochen. Es war uns äußerst wichtig, dass wir in einer so prekären Situation trotzdem Honorare auszahlen können. Man ist uns hierzu glücklicherweise mit sehr viel Kulanz begegnet.

 

Was war euer Ziel für die digitale Festivalvariante „Hauptsache Online“?

Susanne: Bei „Hauptsache Frei“ geht es darum, live gemeinsam Theater zu erleben. Alte Mitschnitte zu zeigen war keine Option. Stattdessen sollte sichtbar werden, wer die Menschen hinter den Produktionen sind. Wir haben die Künstler*innen eingeladen, eigene kreative Formate zu entwickeln, in denen sie ihre Arbeitsweise vorstellen.

 

Welches technische Basissetup habt ihr für „Hauptsache Online“ gefunden?

Julian Kamphausen: Ziel war es, ein größtmögliches Spektrum zwischen singulärem Senden und kollektivem Arbeiten bieten zu können. Interaktive Formate und Diskussionen haben wir daher über das Konferenztool Zoom abgewickelt und gleichzeitig unser Programm über YouTube gestreamt. Inspiration hierfür war die Akademie für Theater und Digitalität, die dieses Setup kurz zuvor bei ihrer Jahreskonferenz getestet hatte.

 

Habt ihr auch noch andere Tools evaluiert?

Julian: Webinar-Software gibt es in vielen Varianten – etwa Whereby, Edudip und die Open Source-Plattform Jitsi. Alle haben Vor- und Nachteile. Für uns entscheidend waren Stabilität, Funktionsumfang, Bezahlbarkeit und Faktoren wie ein niedrigschwelliges Anmeldeverfahren oder Browserkompatibilität.

Susanne: Wir hatten nur 14 Tage Zeit und mussten unsere technische Lösung auch noch mit den Künstler*innen testen. Mit Zoom hatten wir teamintern bereits Erfahrung: Man kann den Bildschirm miteinander teilen oder Breakout-Sessions eröffnen – also Untergruppen zur Arbeit im kleinen Kreis. Als Hilfestellung haben wir eine eigene Anleitung erstellt und Tutorialstunden veranstaltet.

Julian: Die Lernkurve war extrem steil – während am Anfang noch Fragen kamen wie „Wo ist noch mal das Mikro?“, ging es zum Schluss etwa darum, wie sich 360°-Videowalks realisieren lassen.

Hauptsache Frei Hauptsache Online Konferenzansicht
Susanne Schuster und Festival-Teilnehmer*innen, Foto: Imke Lass

 

Was ist neben der Konferenzsoftware oder der Streamingplattform noch wichtig?

Susanne: Um den Stream flüssiger zu machen, haben wir die Meetings immer über einen Rechner eröffnet, der nicht über WLAN, sondern per Kabel ans Internet angeschlossen war. Für das Livestreaming empfiehlt es sich auch, einen eigenen Server zu kaufen, um eine hohe Uploadgeschwindigkeit zu gewährleisten. Für die Einrichtung sind eine fachkundige Betreuung und ein wenig Vorlauf notwendig.

 

Wie habt ihr den Ton eures Streams optimiert? Man kennt ja viele Störfaktoren: Interferenzen von Handys, Geräusch-Loops, leicht zeitversetzt durcheinander redende Teilnehmer*innen.

Susanne: Dringend empfiehlt sich ein Headset oder externe Kopfhörer. Vor Beginn einer Session haben wir alle stumm gestellt und dann die Redenden nach und nach zugeschaltet. Wer in einer Diskussionsrunde nicht spricht, sollte das Mikrofon aus lassen.

 

Was denkt ihr zu parallel laufenden Kommunikationswegen?

Susanne: Ich finde eine Kombination aus Kommunikationsmitteln toll, denn bestenfalls ermöglicht das eine tiefergehende Auseinandersetzung. In einem Gespräch werden manchmal Personen referenziert oder Webadressen erwähnt, die man gut aufgreifen und verlinken kann. Wer selbst nicht im Stream zu Wort kommen möchte, kann schriftlich im Chat nachfragen oder auch Gedanken in Direktnachrichten mit ausgewählten Teilnehmer*innen austauschen.

 

Das erhöht aber auch die Anforderungen an die Moderation…

Susanne: Definitiv. Vor jeder Veranstaltung wurden erst alle begrüßt und erklärt, was es mit dem Stummschalten und der Handhebe-Funktion auf sich hat. Viele Künstler*innen haben ihre Arbeiten vermittelt, indem sie Videos eingeblendet und kommentiert haben. Man muss als Sprecher*in kontrolliert den Ton freischalten, wenn man ein Video über den eigenen Bildschirm zeigt. Das ist technisch fehleranfällig. Ermöglicht man dazu noch einen Chat, ist der Koordinationsaufwand schon sehr hoch.

 

Wie habt ihr die Aufgaben verteilt?

Susanne: Eine Veranstaltung wurde immer von drei Teammitgliedern betreut: Für die inhaltliche Moderation, als Leitung des Chats und für die technische Koordination. Dazu gehörte etwa den Warteraum – eine Grundfunktion in Zoom – zu koordinieren, Personen einzuladen, mit unserer Anmeldeliste abzugleichen und dann in das Meeting zu lassen.

Julian: Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass ein Onlinefestival weniger personalintensiv ist, als ein analoges Festival.

 

Was waren besonders herausfordernde Momente?

Susanne: Zoom ist trotz der Vorteile nicht ohne Probleme – es ist nicht DSGVO-konform und hat Sicherheitslücken. Wir haben im Vorfeld alle Vorkehrungen getroffen, die uns bekannt waren. Dennoch gab es während des Festivals einen Angriff eines Zoom-Bombers, der seine Video- und Toneinstellungen missbraucht hat, um visuell Gewalt auszuüben. Zoom hat jetzt seine Standardeinstellungen angepasst. Dazu gehört, dass alle Meetings obligatorisch mit einem Zugangspasswort versehen werden.

Im Warteraum waren nur die Anmeldenamen der Teilnehmer*innen zu sehen. Wenn es keine Klarnamen sind, ist es schwer einzuschätzen, wer eigentlich dahinter steht. Nach dem Angriff haben wir eine Anmeldung per Mail vorgeschaltet, bei der die Teilnehmer*innen angeben sollten, mit welchem Namen sie sich einloggen.

 

Wie haben die Künstler*innen die Videokonferenzen für die Präsentation ihrer Produktionen genutzt?

Susanne: Es gab Gespräche zu existierenden Produktionen, aber auch Projekte, die live für „Hauptsache Online“ entstanden sind. Dazu gehörte eine Performance von DIE AZUBIS, die Aufgaben an das Publikum gestellt haben. Jede*r sollte die Kamera anschalten und wir sind in die Galerie-Ansicht gewechselt, so dass alle einander sehen und die Reaktionen beobachten konnten.

Ein anderes Format war die digitale Umsetzung von „FrontMan“ von Juliana Oliveira, die den Kult um die Figur des Frontmanns und den Exzess in der Rockmusik beleuchtet. Geplant war eigentlich eine Art Konzert-Performance. Das Team um Oliveira wurde stattdessen über die Galerie-Ansicht bei Zoom aus ihren jeweiligen Häusern zusammengeschaltet. Sie sind dort in verschiedene Rollen geschlüpft – die Perspektive des Lead-Gitarristen, des Groupie, des Management, usw. Am Ende hat das Publikum mitgejamt.

Hauptsache Frei Festival Online Version als Digitalfestival
Zoom-Performance von „Frontman“, Foto: Imke Lass

 

Welche Erfahrungen habt ihr mit den Diskussionen im Rahmenprogramm gemacht?

Julian: Die Interaktion mit dem Publikum hat in allen Formaten gut geklappt. Die Gespräche über die Produktionen waren geprägt von gutem Zuhören und echtem Austausch. Geholfen dabei hat sicher der Wechsel aus Gruppensitzung für Diskussionen und Break-out-Room für Workshops. Vielleicht lag es aber auch daran, dass die Menschen gerade zu diesem Zeitpunkt in ihrem Alltag absolutes Chaos erlebt haben und sich das erste Mal wieder über Kunst unterhalten konnten.

 

Ist die physische Distanz ein Problem in den Workshops?

Susanne: Einige Tools haben Funktionen für gemeinsames Arbeiten. In einem Workshop zum Thema „Familie und Freie Szene vereinbaren“ haben wir etwa am digitalen Whiteboard von Zoom gemeinsam Ideen gesammelt. Zusätzlich gibt es Apps, über die sich Mindmaps erstellen oder digitale Klebezettel platzieren lassen.

Julian: Der Chat reicht aber auch schon. Zum Beispiel hatten wir einen Workshop von Esther Pilkington, die sich in ihrer künstlerischen Forschung Prozessen des Ver- und Entsammelns widmet. Zunächst hat sie uns virtuell auf eine Exkursion zu einem Seemannsclub im Hamburger Hafen mitgenommen – einem Ort, an dem sich Menschen temporär versammeln, die sonst immer unterwegs sind. Die Reise zum Hafen ist Teil der site-specific-performance „Hello My Friend“, die das Wesen von Zusammenkünften in diesem Club untersucht. Ihr Methodenset hat Esther auf die Workshopteilnehmer*innen übertragen. Sie sollten ausgewählte Stellen in ihren Wohnungen im Video-Chat zeigen und reflektieren. Ihr Ansatz wurde also schnell in der praktischen Umsetzung klar.

 

Und wie stimmt man das externe Publikum auf das neue Festivalformat ein?

Susanne: Wir haben uns für unsere Webseite als Leitmedium entschieden. Hier sollte man alle Informationen finden – zu Themen und Terminen, zur Anmeldung. Pro Tag wurde ein Zoom-Link verwendet. Über die Website erhielt man also Zugang zu den Livetalks, zur Mediathek aber auch zu Mitschnitten, Texten und weiterem Material, das im Programm aufgegriffen wurde. Komplizierter war der Stream auf Youtube, den wir direkt über Zoom erstellt haben: Der Link entsteht erst mit Start des Streams – und lässt sich daher nicht vorab kommunizieren. Hier galt es sehr schnell zu reagieren und den Zugang gleich nach Freischaltung über die Website zu veröffentlichen.

 

Hat sich das Publikum im Vergleich zu den Vorjahren verändert?

Julian: Bei den letzten Ausgaben des Festivals hatten wir eine sehr hohe Nachfrage und zu wenig Kapazität. Eine Teilnahmesteigerung war jedoch nicht unser Primärziel dieses Jahr. Wir haben unsere Energie eher in die Organisation geeigneter Bedingungen für die Künstler*innen und Expert*innen gesteckt. Trotzdem hatten wir deutlich über 1000 singuläre Teilnehmer*innen, was super ist.

Susanne: Die Mediathek war noch länger online, da haben sich die Zugriffszahlen verdreifacht. Insgesamt war die Resonanz des Fachpublikums sehr gut und digital deutlich überregionaler, teils auch internationaler durch die Kontakte der Hamburger Künstler*innen. Digital konnten viele ihrer Kontakte einfacher teilnehmen. Schlechter erreicht haben wir leider die Menschen, die sonst in Hamburg einfach nur zu einer Vorstellung gekommen wären oder Stammpublikum der Veranstaltungsorte sind.

Hauptsache Frei Festival Werbung mit Blick in Hamburger Hafen
Foto: Imke Lass

In den letzten Jahren konnte man die Produktionen nur mit Tickets sehen. Habt ihr über andere Bezahlmodalitäten nachgedacht?

Susanne: Das Festival finanziert sich nicht rein über Tickets und viele Kosten entfielen – z.B. Unterbringungen, Anreise. Wichtig war uns, die geplanten Honorare komplett zu bezahlen. Ein Viertel der Ticketeinnahmen geht aber jeweils an die Künstler*innen und die Spielstätten. Letztere können die Ausfälle gegenüber den Behörden kommunizieren, die Künstler*innen selbst aber leider nicht.

Julian: Wir haben uns zu Gunsten der Niedrigschwelligkeit gegen andere Bezahlmodi entschieden. Generell glaube ich aber, dass auch das Bezahlen im Netz funktioniert. Künstler*innen fangen jetzt an, intensiver mit Plattformen wie Patreon, Steady oder auch Twitch zu experimentieren.

 

Euer Fazit: Was sollte man digital lassen, was unbedingt machen?

Julian: Was gar nicht funktioniert, ist mittelgut abgefilmtes Theater – es sei denn, es handelt sich um eine wirklich lineare Erzählung mit hochinteressantem Stoff und sehr guter Videoaufzeichnung. Repräsentatives Schaulaufen – im Analogen etwa ein Politikauftritt oder Abendempfang – ist digital ebenfalls kaum reizvoll. Alle Formate für echten Wissenstransfer funktionieren dagegen erstaunlich gut – egal auf welcher Plattform.

Susanne: Einige Gruppen experimentieren bereits auf sehr spannende Art mit Chat-Diensten oder Gaming-Websites. Ich hoffe, dass sich Künstler*innen noch mehr auf schon existierende Online-Techniken und Ansätze der Online-Kunst einlassen und bin gespannt auf die neuen Seherfahrungen.

 

Die Fragen stellte: Silvia Faulstich

 

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Alles Rechtens? Kultur im Livestream

12. Mai 2020

Livestreams sind für Viele das Medium der Stunde, um Kulturangebote online stattfinden zu lassen. Doch was gilt es dabei rechtlich zu beachten? Wir geben Hilfestellungen zu Fragen des Urheberrechts, Persönlichkeitsrechts und des Datenschutzes.

Designed by welcomia / Freepik

Ausstellungen werden per Videobotschaft durchschritten, Konzerte und Theaterstücke online aufgeführt und digitale Schätze aus den Mediatheken gehoben: Durch die COVID19-Pandemie zur Unterbrechung des Livebetriebs gezwungen, erschließen sich Kulturinstitutionen und Freie Szene vermehrt das Internet als zusätzliche Wirkstätte. Video-on-Demand-Angebote und Livestreams sind dabei die Medien der Stunde.

Bevor jedoch ein Beitrag online gehen kann, sollten wichtige rechtliche Fragen rund um die gezeigten audiovisuellen Inhalte geklärt sein: Sind im Stream urheberrechtlich geschützte Werke enthalten? Liegen Nutzungsrechte für Fremdmaterial vor? Welche Grenzen hat das künstlerische Zitat? Und welche Rechte haben die eingeblendeten Personen an ihrem eigenen Bild?

Rechtliche Hinweise zu Online-Konzert, Video-Remix, und Co.:

Mit der Handreichung „Alles rechtens? Kultur im Livestream“ möchten wir euch eine Hilfestellung an die Hand geben: Im Austausch mit Berliner Kulturschaffenden haben wir zehn Situationen aus der Praxis gesammelt, anhand derer wir auf Fragen des Urheberrechts, Persönlichkeitsrechts und des Datenschutzes blicken.

Die Handreichung – entstanden in Zusammenarbeit mit Rechtsanwalt Dr. Till Kreutzer (irights.Law) – gibt es hier zum Download:

„Alles rechtens? Kultur im Livestream“ (PDF, 1,6 MB)

 

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Titelbild: welcomia via freepik.com

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Mit einem Konzert-Stream allein ist es nicht getan

29. April 2020

Elena Kountidou leitet die Kommunikation des Konzerthaus Berlin – aktuell ohne Live-Programm und bei geschlossenem Haus. Ein Gespräch über digitale Krisenformate, improvisierte Produktionsabläufe und alternative Verbreitungswege für klassische Musik.

Elena Kountidou
Elena Kountidou, Leiterin der Kommunikationsabteilung am Konzerthaus Berlin. Foto: Pablo Castagnola

Elena, unter dem Hashtag #KonzertzuHaus bündelt ihr eure digitalen Aktivitäten. Welche Formate setzt das Konzerthaus aktuell ein?

Wir bieten ein Spektrum aus sehr aufwändigen aber auch kleinen, spielerischen Formaten. Bereits am 18. März – also sechs Tage nach der Schließung – sind wir zum Livestreaming übergegangen. Außerdem können wir zum Teil auf unser Archiv zurückgreifen. Es enthält Konzerte, aber auch Dokumentationen wie zum Leben unseres Chefdirigenten Christoph Eschenbach.

Gleichzeitig testen wir im Rahmen der aktuell sehr eingeschränkten Produktionsbedingungen neue Formate oder entwickeln etablierte Ideen weiter. So präsentiert unser Orchester jeden Montag eine Playlist, die auf die aktuelle Stimmung reagiert. Da wir demnächst unser 200-jähriges Bestehen feiern, beschäftigen wir uns in unserem Blog zudem sehr stark mit historischen Aspekten – sei es die Architektur des Konzerthauses oder die Geschichte des Orchesters. Unser technischer Direktor führt außerdem regelmäßig digital durch das Haus, äußert sich zu Bauarbeiten und den einzelnen Sälen.

Für mich ein absolutes Herzensanliegen ist aber unser Mitmachangebot für Kinder. Es entsteht durch das Engagement unseres Orchesters und wird von zu Hause aus durch einzelne Musiker*innen aufgenommen. Beispielsweise erstellen unser Solopauker und seine Frau, die Schlagzeugerin ist, mit sehr viel Liebe und Aufwand jede Woche im Garten und in der Küche Mitmachvideos mit Rhythmusrätseln, Anleitungen etwa zur Body-Percussion oder Abwaschkonzerten. Ein Bratscher spielt mit seiner Frau, einer Sopranistin, Kinderlieder ein, eine Cellistin bastelt mit ihrer Tochter und andere Musiker*innen haben Hörspiele zur Verfügung gestellt. In unserer Branche strebt man normalerweise danach, die bestmögliche Tonqualität und eine Perfektion im Zusammenspiel zu erreichen. Für viele dieser Videos weichen die Musiker*innen von dieser Maxime ab und filmen sich nun mit der Handykamera.

Wendet ihr euch anders an ein digitales Publikum als an Besucher*innen vor Ort?

Wir möchten ein Haus für möglichst viele verschiedene Menschen sein – ob nun live oder digital. Das war auch schon vor Corona so. Daher bieten wir normalerweise vor Ort im Konzerthaus ein Spektrum an Angeboten für ganz unterschiedliche Interessen und Kenntnislevel: Von Sinfoniekonzerten über einstündige Espresso-Konzerte und Late-Night-Formate bis hin zu kürzeren Angeboten für Familien oder unser Format „Mittendrin“ um 18 Uhr, bei dem man mitten im Orchester Platz nimmt.

Auch digital versuchen wir uns möglichst divers aufzustellen. In den letzten Jahren haben wir etwa mit dem Virtuellen Konzerthaus zahlreiche digitale und immersive Angebote entwickelt. Für uns waren sie ein Mittel, um neue Publikumskreise an das Haus und an die klassische Musik heranzuführen. Es ging dabei stets um eine Ergänzung des Live-Erlebnisses durch neue Perspektiven, nicht um ein Ersetzen. Mit den Kontaktbeschränkungen hat sich die Ausgangslage verändert: Ein Vor-Ort-Erlebnis ist nicht möglich. Wie ist man weiter präsent und nicht einfach ein geschlossenes Haus? Unser Ziel ist es daher weiterhin, so viel Zugang zu klassischer Musik wie möglich zu schaffen, nur unter anderen Bedingungen. Wir möchten denen gerecht werden, die nur einmal kurz online bei uns durchflanieren, aber auch jenen, die länger verweilen wollen. Man kann sich daher einen Livestream eines Konzerts einfach nur anschauen. Für alle, die das Gesehene vertiefen möchten, bieten wir ergänzende Texte im Blog und eine digitale Werkeinführung, die jede Woche neu eingesprochen wird.

Für mich bedeutet ein ortsunabhängiges Angebot aber nicht automatisch, dass sich alles im Netz abspielt. Ein nicht zu unterschätzender Anteil unseres regulären Publikums – viele dieser Menschen sind über 70 – ist digital weniger aktiv und aktuell besonders isoliert. Wir haben deshalb Aktionen gestartet, bei denen ein persönlicher Kontakt im Zentrum steht. Ein Beispiel ist die Klassik-Hotline – das nächste Mal am 10. Mai 2020. Bei der ersten Hotline am Ostermontag konnten sich Menschen dabei in einer von uns bereitgestellten Werkliste Stücke aussuchen und eine*n Wunschmusiker*in benennen. Darauf aufmerksam gemacht haben wir per Post. Am Ostermontag wurden dann 89 Personen angerufen und erhielten ein kleines Privatkonzert von 15-20 Minuten. Einige Zuhörer*innen haben dabei vor Rührung geweint. Im Nachgang erhielten wir sehr freundliche Briefe und E-Mails, in denen viele ihre Wertschätzung dafür ausgedrückt haben, dass jemand sie anruft und ihnen ein Kulturerlebnis ermöglicht. Der Mensch-zu-Mensch-Kontakt bleibt also neben den vielschichtigen Online-Angeboten für uns wahnsinnig wichtig.

 

Gibt es auch Formate, die sich bereits überholt haben?

Unter dem Hashtag #reingehört hat das Orchester in einer Reihe von Videos im Splitscreen zusammengearbeitet – ein Format, das auch andere Orchester bereits nutzen. Am Anfang der Corona-Krise konnten wir damit ein Gefühl von Gemeinschaft zeigen. Generell konnte man in der Frühphase des Lockdown im Netz sehr viel Humoristisches entdecken. Inzwischen kippt die Stimmung: Diese ganz persönlichen, intimen Wohnzimmersituationen waren ungewohnt und hatten einen gewissen Reiz. Inzwischen sind sie aber leider notgedrungen ubiquitär. Ich glaube, dass sich die Menschen einfach nach gut produzierten Inhalten sehnen. Wir versuchen daher bei allem, was wir nun machen, qualitativ hochwertig zu arbeiten und einen Mehrwert anzustreben – natürlich im Rahmen dessen, was möglich ist.

 

Wie organisiert ihr euch bei der Erstellung all dieser Inhalte?

Wir sind eine Live-Institution und keine Digitalplattform, das bildet sich auch in der Personalstruktur ab. Wir als Kommunikationsabteilung allein würden es in der aktuellen Situation nicht schaffen, alle neuen Projekte so intensiv wie zuvor zu begleiten. Da es gerade nicht spielen kann, wollte das Orchester jedoch aktiv werden und sich in der Krise engagieren. Wir verteilen die Last derzeit deshalb auf viele Schultern: Mein Team plant und steuert die Produktionen, Kolleg*innen aus anderen Abteilungen unterstützen uns. Es gibt im Orchester gewählte Gremien – den Orchestervorstand, den künstlerischen Beirat, den Medienbeirat – aus denen sich Verantwortliche für bestimmte Themen gefunden haben. Wir haben zum Beispiel einen Beauftragten für Playlists, einen weiteren Beauftragten für Instagram Storys, einen für das Format #reingehört, usw. Sie organisieren das Orchester intern für die digitalen Initiativen. Sicher, einiges musste an manchen Stellen optimiert und gelernt werden. Im Großen und Ganzen muss ich aber wirklich sagen, dass unser Ansatz gut funktioniert.

 

Welche Rolle spielen Medienpartnerschaften für eure digitalen Angebote?

Medienpartnerschaften tragen natürlich zu Sichtbarkeit und Reichweite bei, sind aber auch aus Produktionsgründen extrem wichtig. Parallel zu den genannten Formaten treibt unser Intendant verschiedene künstlerische Projekte voran, die oft sehr kostspielige Premium-Produktionen sind. Auch das Online-Publikum will das gut aufgezeichnete, ansprechend gefilmte Konzert sehen. In einem Livestream, den wir in Kooperation mit dem rbb erstellen konnten, haben berühmte klassische Musiker*innen bei uns im Saal gespielt. Der rbb hat den Stream im Radio, seiner Website und seinen Social Media-Kanälen kostenlos zugänglich gemacht. Am Ostersonntag hatten wir mit Cameron Carpenter auch ein Konzert im Livestream bei ArteConcert. Selbst wenn wir künftig das ein oder andere künstlerische Projekt versuchen selbst zu produzieren, bleiben Medienpartnerschaften äußerst wichtig.

Livestream Konzzerthaus Berlin 18.03.2020 - Lang Lang (Foto: Markus Werner)

Digitale Kulturangebote waren in der klassischen Kulturpresse bislang eher ein Nischenthema. Wird sich das nun ändern?

Wir beobachten gerade nicht nur eine extrem gesteigerte Aufmerksamkeit für digitale Kulturangebote, sondern auch Offenheit für neue Kooperationsformen. Auch Abstimmungs- und Planungsabläufe haben sich in einigen Fällen beschleunigt – ein Nebeneffekt, der hoffentlich auch nach der Krise nachwirkt. Ich finde es toll, dass neben der neu initiierten Plattform Berlin.alive auch die Stadtmagazine und Zeitungen jetzt Stream-Konzerte ankündigen und diese teils mit Interviews begleiten. Wir haben zudem gerade eine Anfrage eines Magazins, das mit uns ein Instagram-Takeover plant. Sogar der sonst eher digital-konservative Feuilleton rezensiert inzwischen Online-Angebote.

Wenn man es sich als Institution leisten kann, hat man heute natürlich sehr viele eigene Kanäle und nutzt verschiedene Instrumente des Online-Marketings. Rundfunk, Presse und andere Multiplikatoren sind dennoch ungemein wichtig, damit wir auch jene Publikumskreise erreichen, die unsere Kanäle nicht nutzen. Gerade auf unsere Familienangebote erhalten wir gerade viele positive Zuschriften von Personen, die über Magazine wie TipBerlin darauf gestoßen sind.

 

ArteConcert greift bereits seit einigen Jahren ausgewählte Konzertaufnahmen auf. Und auch mit der Streaming-App IDAGIO oder Seiten wie Operavision und takt1 sind bereits spezialisierte Distributionsplattformen für klassische Musik entstanden. In der Krise kommen nun Sammelplattformen wie berlin.alive oder UnitedWeStream hinzu.

Wird es also künftig wesentlich mehr digitale Spielpläne geben?

Je nach Strategie fallen die Art und der Umfang des Livestream-Angebots in den einzelnen Kulturinstitutionen anders aus. Die Philharmonie hat beispielsweise schon vor Jahren eine eigene Livestream-Plattform mit Abonnementstruktur aufgebaut. Daneben gibt es Webplattformen dezidiert für Konzert- oder auch Opern-Streams. Für viele Häuser war ein festes Streaming-Programm aber bislang keine Option, denn es ist ein nicht zu unterschätzender Kostenpunkt. Das Publikum ist neben einer hohen Tonqualität auch eine gewisse Kameraführung aus Film und Fernsehen gewohnt. Natürlich könnte man auch nur eine Kamera aufstellen und das Konzert rein aus der Totale senden. Sehr lange würde das aber viele Zuschauer*innen dann nicht interessieren. Man braucht also eine Mehrkameraführung und Regisseure, die nach Partitur schneiden können. Möchte man die Inhalte nicht über Fremdanbieter bereitstellen, sind eigene Plattformen nötig, deren Unterhalt ebenfalls Geld kostet. Auch die Frage der Rechteklärung und GEMA-Lizensierung ist in unserer Branche nicht zu unterschätzen. Derzeit zeigen Sender und Produktionsfirmen eine große Flexibilität, um 24-Stunden-Streams zu ermöglichen. Unter normalen Umständen wäre das rechtlich problematisch. Es ist also schwer, an diesem Punkt einen Trend zu beschreiben.

 

Freiwillige Spenden, Social Payment-Services, VoD-Dienste mit Aboschranken, Pay per View – derzeit lassen sich mehrere Ansätze zur Monetarisierung von Online-Kulturangeboten beobachten. Was denkst du über die Einnahmengenerierung über digitale Programme?

Das ist eine Frage, die schon vorher kontrovers diskutiert wurde und auch aktuell umstritten ist. Die Antwort hängt natürlich von der Strategie des eigenen Hauses ab. Ein Vor-Ort-Konzert erreicht nur einen kleinen Kreis. Gerade für öffentlich geförderte Einrichtungen ist es aber wichtig, einen möglichst großen Zugang zu schaffen. Bietet man das Online-Erlebnis kostenlos an im Sinne der kulturellen Teilhabe derer, die nicht das Geld für ein Livekonzert haben, muss es die finanziellen Mittel dafür geben. Mit einer Bezahlschranke im Netz weist man nämlich potentiell gerade die Personen ab, die man eigentlich erreichen möchte. Es gibt aber auch Stimmen, die sagen, es entwerte die Kunst, wenn alles immer umsonst ist. Gerade aus der Position vieler Freischaffender ist das verständlich: Warum sollen sie bei einem Konzert in einem Saal bezahlt werden, bei einem Online-Auftritt aber nicht?

Ich denke, Kulturschaffende und Institutionen müssen sich positionieren und in beiden Fällen genau klären, woher die finanziellen Mittel kommen. Ist es beispielsweise explizit politischer Wille, eine möglichst große Teilhabe zu erreichen, bedarf es entsprechender Förderung. Ist dem nicht der Fall, müssten die Häuser ihr Budget anders aufteilen – in vollem Bewusstsein, dass dies zu Lasten anderer Bereiche gehen würde, beispielsweise in der Gestaltung des Live-Programms. Das wiederum kann nach sich ziehen, dass Ticket-Einnahmen fehlen, die zur Finanzierung des Hauses benötigt werden. Es ist also ein recht komplexes Feld. Meine ganz persönliche Meinung ist, dass gerade öffentlich geförderte Kulturinstitutionen einen Bildungsauftrag haben. Einen großen Teil ihrer Digitalangebote sollten sie daher kostenfrei zur Verfügung stellen.

 

Was wird aus der aktuellen Zeit bleiben?

Wir brennen natürlich darauf, bald wieder live auftreten zu können. Das Erlebnis vor Ort ist einfach essentiell und die Leidenschaft des Konzerthauses. Ich hoffe aber, dass die intensivierte, abteilungsübergreifende Zusammenarbeit an Online-Inhalten bestehen bleibt. Und ich hoffe auch, dass wir die derzeit erfolgreichen Formate beibehalten und nach Rückkehr in die Saison auch mit dem Live-Erlebnis stärker vernetzen können. Dazu gehört zum Beispiel ein größeres Kinderangebot.

Für unsere Sparte wäre generell – so es die finanzielle Situation zulässt – ein Ausbau der Online-Kompetenzen und Infrastrukturen wünschenswert. Ich hoffe in der Branche verankert sich durch die aktuelle Lage das Bewusstsein, dass auch für Kulturinstitutionen digitales Know-how und digitale Angebote wichtig sind.

Die Fragen stellte: Silvia Faulstich

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Couch-Konferenz, Küchen-Konzert und Wohnzimmer-Meeting: Tipps für den Datenschutz

27. April 2020

Services für den digitalen Arbeitsplatz zu Hause gibt es viele. Aber was macht ein gutes Tool aus Datenschutzsicht aus? Erste Orientierungshilfen für alle, die keinen heißen Draht zu Datenschutzbeauftragten haben.

Foto: Jcomp / Freepik

Team-Meeting im Wohnzimmer, Konferenz von der Couch und Konzert aus der Küche – in der Corona-Krise verlagern auch viele Kulturschaffende ihre Arbeit ins digitale Homeoffice. Aber was macht ein gutes Tool aus Datenschutzsicht aus? Mit unserem Kollegen Michael Scherer – Datenschutzbeauftragter bei der Technologiestiftung Berlin – blicken wir auf datenschutzrechtliche Aspekte beim Filesharing, Videokonferenzen und Livestreams.

 

Michael, gibt es Faustregeln oder Leitfragen, die man bei der Wahl eines Tools im Hinterkopf haben sollte?

Datenschutz ist ein ziemlich weites aber eigentlich doch einfaches Feld. Grundsätzlich solltet ihr euch vor dem Einsatz neuer Tools oder Dienste immer fragen:

  • Welche meiner persönlichen Details würde ich anderen im Austausch für ihre Leistungen zur Verfügung stellen wollen?
  • Würde ich meinen echten Namen, Adresse, Email oder Kontonummer geben?
  • Was bekomme ich dafür und sind wirklich alle Daten dafür notwendig?

Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) definiert „Personenbezogene Daten“ ausführlicher, als man denkt – nämlich all das, was erlaubt, Rückschlüsse auf die physische, physiologische, genetische, psychische, wirtschaftliche, kulturelle oder soziale Identität (Artikel 4 Ziffer 1 DSGVO) einer Person zu ziehen. Ganz offensichtlich gehören hierzu Vor- und Nachname, Adresse, Telefonnummer, Sozialversicherungsnummer, Matrikelnummer, aber auch etwas abstraktere Dinge wie Kundendaten, Grundbuch- und Fahrzeugregister, Körpermerkmale und Geburtstage. Gerade im Fall von Video-Konferenz-, Kollaborations- und anderen Online-Diensten zählen aber auch Online-Daten wie IP-Adresse, Emails und Standortdaten als personenbezogene Informationen.

Fragt euch also, wenn ein neuer Webdienst Einsatz finden soll: Was brauche ich an Daten wirklich von meinen Besucher*innen? Würde ich selbst meinen Klarnamen oder meine Postadresse angeben, wenn ich eigentlich nur einen Livestream ansehen will?

Datensparsamkeit vs. Datenhunger: Gibt man mehr, als man bekommt?

In diesen Fragen stecken zwei Kernpunkte der DSGVO: die Datensparsamkeit und die Zweckbindung. Personenbezogene Daten – und da reicht schon eine Mailadresse – dürfen nur verarbeitet werden, wenn Sie dem Zweck angemessen und relevant sind.

Nehmen wir an, ihr hostet einen Livestream über eure eigene Webseite ohne Hilfe von Dritten: Für einen kostenlosen Stream sind Angaben wie Kontonummer, Postadresse, Telefonnummer in der Regel unnötig. Selbst Klarnamen oder Emailadresse sind nicht zwingend notwendig – es sei denn, ihr habt ein berechtigtes Interesse (Art. 6 Ziffer 1 DSGVO). So könntet ihr Namen und E-Mails abfragen, wenn ihr z.B. Interaktionsmöglichkeiten in Form eines Chats zum Stream anbietet (falls jemand z.B. Hassrede oder Spam verbreitet), oder ihr den Stream z.B. nur Abo-Kunden anbietet. In diesem Fall könnt ihr natürlich auch die Abo-Nummer mit abfragen.

Privacy by Design: Datenschutz als Grundeinstellung

Was ein gutes Tool ausmacht, hängt deswegen stark vom geplanten Einsatz ab. Ganz allgemein: Egal ob Videostream, Medienplugin oder Plattform, ein guter Service sollte auf jeden Fall an eure Bedürfnisse anpassbar und auf datenschutzfreundliche Voreinstellungen gesetzt sein. Oft wird das unter „Privacy by Design“ zusammengefasst. Wichtige Kriterien hierbei sind u.a.:

  • Das Tool erfasst idealerweise selbst gar keine oder nur wenige notwendige Daten (z.B. Cookies oder temporäre Dateien).
  • Der Anbieter verwendet die Daten, die durch euch eingestellt oder generiert werden, nicht für andere Dinge wie Werbung.

Im Fall des derzeit gern genutzten Konferenztool Zoom war etwa das Problem, dass bei IOS Apps die Daten der Nutzer*innen ungefragt an Facebook weitergegeben wurden. Das wurde mittlerweile abgestellt, aber es zeigt, wie manche Firmen freizügig mit den Daten ihrer Kund*innen umgehen. Das wurde mittlerweile abgestellt, aber es zeigt, wie manche Firmen freizügig mit den Daten ihrer Kund*innen umgehen.

Serverstandort: Warum in die Ferne schweifen?

Wenn ihr die Wahl habt, dann sucht euch einen Anbieter, dessen Server sich in Deutschland oder in Europa befinden. Die DSGVO gilt für alle EU-Mitgliedstaaten und hiesige Anbieter wissen, worauf für eine DSGVO-konforme Service-Bereitstellung zu achten ist. Zwar gibt es zwischen EU und den USA mit dem Privacy Shield eine Absprache zum Datenschutz, dennoch gelten die US-Standards gemeinhin immer noch als unzureichend. Man kann, mit Einverständnis der Nutzer*innen, zwar Daten an US-Unternehmen übermitteln, aber wenn sich eine Alternative anbietet, ist es immer ratsam, diese zu nutzen.

Prinzip Transparenz: Verträge, Datenschutzerklärung, Impressum

Wenn ihr ein neues Tool nutzen wollt, überprüft, ob der Anbieter schon einen Vertrag zur Datenauftragsverarbeitung anbietet. Sobald ihr einem Dritten erlaubt, auf die Daten eurer Besucher*innen zuzugreifen, sei es nur Login oder IP-Adresse, könnte ein solcher Vertrag notwendig sein. Installiert ihr Software auf euren eigenen Servern, sodass kein Datentransfer mehr zum Anbieter besteht, ist kein Vertrag nötig. Das Gute ist: Die meisten Anbieter beraten euch in solchen Fragen – schließlich ist es auch in ihrem Interesse, abgesichert zu sein.

Alle, die derzeit kulturelle Angebote über Videostreaming oder Webkonferenzen anbieten, müssen die dabei erfassten Daten natürlich auch gegenüber den Nutzer*innen öffentlich dokumentieren. Die Datenschutzerklärung auf eurer Website sollte ergänzt werden, wenn:

  • neue PlugIns oder Tools zum Einsatz kommen, vor allem, wenn eine längere Nutzung geplant ist.
  • ihr Videos über externe Plattformen wie YouTube bereitstellt.  Verlinkt dabei unbedingt auf Sitz und Datenschutzerklärung des Plattformanbieters.

Es gibt tatsächlich auch eine Impressumspflicht für eure Accounts auf Plattformen, die ihr länger und vor allem gewerblich nutzt – z.B. bei Facebook und YouTube. Wenn ihr euch aber nur temporär auf eine Plattform aufschaltet, vielleicht auch nur einmalig, ist meines Wissens nach kein ausführliches Impressum nötig, wohl aber ein Hinweis an die Besucher*innen, dass ihr diese Dienste einsetzt. Falls ihr nämlich etwa YouTube nutzt und die Besucher*innen sich den Film dort oder eingebettet bei euch ansehen, werden Daten zwischen der Plattform und der Zuschauer*in übermittelt.

Videokonferenzen datenschutzkonform gestalten

Viele Kulturinstitutionen greifen auf Tools und Plattformen wie Zoom, Skype oder Jitsi zurück, um im Kolleg*innenkreis Besprechungen durchzuführen oder sogar ganze Festivals mit externem Publikum zu organisieren.

 

Welche Art von Daten können dabei produziert oder berührt werden?

Je nach Plattform können die Login Daten, IP Adresse und natürlich Interaktionen wie Chat-Nachrichten erfasst werden. Dazu wird für den Buffer der Videostream gespeichert und falls die Option besteht, das Video abzuspeichern, der ganze Stream. Auch die Geo- oder Standortdaten können abgegriffen werden, um z.B. die besten Server für eine gute Verbindung zu finden.

 

Manche Tools erlauben es, Filme der eigenen Videochatsession zu erstellen. Darf ich Teilnehmende (Publikum / Redner*innen) einer Live-Session einfach aufnehmen?

Nein, dafür ist immer die Einwilligung aller Beteiligten einzuholen. Bei einer Videokonferenz müsste man eigentlich auch nachfragen, ob das Bild des/der Teilnehmer*in freigeschaltet werden darf. Wie auch bei Livestreams solltet ihr solche Fragen möglichst im Vorfeld mit allen Beteiligten klären, ob sie damit Einverstanden sind. Weitere Informationen zu Datenschutz und Videokonferenzen findet ihr bei der Gesellschaft für Datenschutz und Datensicherheit. Ihren Umgang mit Konferenz-Tools beschreiben zudem die Humboldt Universität (Fall Zoom) und in einer Checkliste auch die Uni Siegen.

Livestreams: Persönlichkeitsrechte beachten

Livestreams sind für viele Kulturschaffende und Kulturinstitutionen ein wichtiges Medium, um digital in Austausch mit dem Publikum zu treten und einen Zugang zu kulturellen Angeboten zu ermöglichen. Oft reicht zum Erstellen bereits das eigene Smartphone. Tipps hierzu finden sich in unserem Leitfaden „Livestream leicht gemacht“. Die Formate reichen von einfachen, linearen Streams hin zu moderierten Live-Veranstaltungen mit Publikumsbeteiligung.

 

Viele Livestreams werden durch Interaktionsmöglichkeiten per Chat ergänzt. Muss ein*e Organisator*in dafür sorgen, dass keine personenbezogenen Daten kommuniziert werden?

Ja, postet zum Beispiel ein*e Teilnehmende*r die Mailadresse einer anderen Person, wäre das ein Verstoß. Livestream-Anbieter*innen haben dann die Pflicht, die Nachricht zu löschen – auch aus dem Chat-Log, sollte es einen geben. Ihr solltet sowieso im Chat Moderator*innen einsetzten, die den Inhalt der Nachrichten prüfen und ggf. freischalten oder löschen. Außerdem solltet ihr für die Zuschauer*innen eine Netzetikette überlegen und darüber informieren. Das erstreckt sich auch auf die Nutzung von Pseudonymen vis-à-vis Klarnamen: Um zum Beispiel eine Person mit echtem Namen anzusprechen, die aber Online mit Pseudonym im Nutzer-Handle auftritt, müsste eigentlich vorab ein Einverständnis eingeholt werden.

 

Was ist, wenn ich ein Video oder einen Livestream – z.B. im Freien, auf einer Konferenz oder in einem Barcamp – mache und andere Menschen im Hintergrund gut erkennbar durchs Bild laufen?

Das ist eine große Schwachstelle der DSGVO, hier stößt sie mit dem Kunsturheberrecht zusammen. Das Problem ist bis heute nicht zufriedenstellend geregelt. Nach der DSGVO müsste man von jeder klar erkennbaren Person eine Einwilligung einholen, das Video senden zu dürfen, das Kunsturheberrecht räumt ein paar Lösungsmöglichkeiten – vor allem im Bereich Foto und on-demand-Video – ein, wenn man im journalistischen und nicht-werblichen Umfeld unterwegs ist. Im Gegensatz zu Fotos oder On Demand Videos ist es beim Livestream eher unwahrscheinlich, dass man alle Passanten nach ihrer Einwilligung fragen kann. Trotz längerer Recherchen habe ich noch immer keine befriedigende Antwort für Livestreams gefunden.

Ich denke, dass man mit dem §23 des Kunsturheberrechts argumentieren kann, dass Leute im Hintergrund als „Beiwerk“ anzusehen sind. Als Regel vielleicht: wenn ihr jetzt im Freien unterwegs seid und etwas Filmen wollt – macht deutlich, dass ihr etwas aufnehmt, sorgt für einen ruhigen Bereich, informiert vorher Menschen, die vielleicht gerade vor Ort sind, dass ihr gleich filmt. Etwas anders sieht es bei Messen oder Veranstaltungen aus, also wenn viele Menschen im Hintergrund sind und aufgenommen werden könnten. Da regelt der §23, dass Bilder von Versammlungen, Aufzügen und ähnlichen Vorgängen keine Einwilligung erfordern. Fair und richtig ist es aber, Teilnehmende im Vorfeld der Veranstaltung zumindest darüber zu informieren, dass Foto- / Filmaufnahmen gemacht und zu welchen Zwecken sie voraussichtlich eingesetzt werden. Und wenn eine einzelne Person besonders hervorgehoben ist, zum Beispiel um Publikumsreaktion auf ein Musikstück zu illustrieren, braucht es eine Erlaubnis zur Veröffentlichung.

Weitere Informationen:

Datenschutz beim Teilen und Bearbeiten gemeinsamer Dokumente

Nicht jeder kann einen Server mit VPN-Tunnel oder eine lokale Cloud aufsetzen. Onlinedienste zum Filesharing und kollaborativen Arbeiten sind hier eine mögliche Alternative.

 

Auf welche Qualitätsmerkmale sollte ich achten?

Den einen, ultimativen Sharing-Dienst gibt es nicht – es schwebt immer ein gewisses Risiko mit, das Unbefugte Zugang zu euren über Webdienste verschickte Daten erhalten. Zum Beispiel sorgte ein Bug dafür, dass im Sommer 2019 von WeTransfer Downloadlinks an falsche Personen verschickt wurden. Und vor ein paar Jahren wurden 68 Millionen Dropbox Accounts geleakt.

Seid bei der Wahl daher sorgsam:

  • Hat der Dienst eine End-zu-End Verschlüsselung?
  • Bietet er bei mehreren Nutzer*innen ein Rechte- und Zugriffsmanagement?
  • Gibt es eine Passwortsicherung der Daten?
  • Hat das Unternehmen seine Server in Europa?

Da sich auf diesem Sektor sehr viel tut, neue Cloud & Sharing Anbieter auf den Markt kommen und Nutzungsbedingungen sich ändern, würde ich dazu raten vorher zu recherchieren, welcher Dienst gerade von Datenschützern empfohlen wird. Zum Beispiel hat Stiftung Warentest im April 2019 Cloudanbieter getestet.

Und auch wenn es auf den ersten Blick am einfachsten wäre: von Google Drive und allgemein von Google Diensten rate ich im Arbeitsumfeld ab – ihre Dienste sind untereinander fast unüberschaubar verzahnt. Vor der Wahl von Google-Diensten lohnt ein Blick die Seiten des Unternehmens zu seiner Daten-Policy.

 

Welche Nutzer*innen-Daten fließen beim Einsatz eines Filesharing-Dienstes?

Das generell zu beantworten, fällt schwer, da es wieder auf den Anbieter und die Einstellungen ankommt. Als Beispiel führen WeTransfer und Dropbox in ihren Datenschutzbestimmungen Details auf, was von den Nutzer*innen erfasst wird.

 

Welche Dokumente sollten besser nicht in die Cloud?

Vertrauliches, Rechnungen, Verträge, Personaldaten und ich würde auch schon sagen Teilnehmer*innenlisten oder Kontaktdaten von Dritten. Vor allem, wenn die betroffenen Personen nicht ihre Einwilligung gegeben haben.

 

Wo finde ich weitere Ressourcen zum Datenschutz?

Gute Anlaufstellen sind die Aufsichtsbehörden und Landesdatenschutzbeauftrage. Dort findet ihr relevante Gesetzestexte und weitere Informationen dazu, wie ihr eure und damit im Umkehrschluss die Daten eurer Besucher*Innen schützen könnt.

Daneben gibt es auch eine Reihe von guten Blogs oder Wikis, u.a.:

 

Text von: Michael Scherer und Silvia Faulstich

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Livestream leicht gemacht

7. April 2020

Livestreams eignen sich hervorragend, um in Echtzeit mit vorhandenem und neuem Publikum zu interagieren und die eigene Reichweite online und offline auszubauen. In unserem Leitfaden erhaltet ihr Tipps zur Durchführung von Streamings mit einfach technischen Mitteln.

Aufnahme mit Mikro, Smartphone und Gimbal

„Wenn die Besucher*innen schon nicht zu uns kommen, dann kommen wir eben zu ihnen!” Ein Livestream kann zwar nicht das Erlebnis eines Theaterbesuches oder das Wandeln durch die Gänge eines Museums ersetzten, aber die Zeit bis zum nächsten Besuch durchaus verkürzen, neue Perspektiven auf die Aktivitäten einer Institution eröffnen und Unentschlossene und Interessierte zum Reinschnuppern einladen.

Für all diejenigen, die bislang noch wenig Erfahrung mit dem Medium Livestream haben, haben wir mit der Firma Movact einen „quick and dirty“-Leitfaden zusammengestellt. Er enthält:

  • Informationen zum Streaming per Smartphone
  • Hinweise zur Belichtung und Verbesserung der Audio-Qualität
  • Vor- und Nachteile verschiedener Streaming-Plattformen
  • Ressourcensammlung zu rundfunkrechtlichen Belangen rund ums Streaming

 

Ladet euch den Leitfaden hier herunter.

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Von zuhause arbeiten – aber wie?

23. März 2020

Um euch die Arbeit aus dem Homeoffice zu erleichtern, haben wir Tipps und (wenn möglich Open Source-)Tools zum Kommunizieren, gemeinsam Texten und Projekte managen im Digitalen zusammengestellt.

Das Digitalmagazin t3n verlegt seine Arbeit ins Homeoffice – und hat seinen Guide für das Büro in den eigenen vier Wänden auch online veröffentlicht. Hier findet ihr Tipps zu Tools, Arbeitsabläufen und zur Einrichtungen des Arbeitsplatzes.

Die in diesem Guide enthaltenen Hinweise decken etablierte Lösungen wie Slack, Skype und GoogleDrive ab. Viele Kulturinstitutionen lassen diese Tools aber aus datenschutzrechtlichen und finanziellen Erwägungen nicht zu. Wir versuchen uns daher an einer Zusammenstellung von Services, die bestenfalls auf Open Source basieren oder kostenlos verfügbar sind und bestenfalls in Deutschland/Europa gehostet werden.

Tipps für Abläufe von Telefonkonferenzen und Video-Chats bietet außerdem die Deutsche Initiative für Netzwerkinformation.

Wie komme ich an meine Arbeitsdateien heran?

Wichtiges Hilfsmittel ist eine sichere VPN-Verbindung zum Netzwerk der eigenen Einrichtung. Anbieter gibt es natürlich wie Sand am mehr. Generelle Hinweise zum Umgang mit VPN bietet das BSI. Eine Open Source-Alternative ist OpenVPN.

(Große) Dateien teilen

Wer keine VPN-Verbindung  zum eigenen Netzlaufwerk besitzt und ein Mailpostfach von knausriger Größe hat, ist auf Dienste zum Austausch von Dateien angewiesen. Wer bekannte Dienste wie etwa Wetransfer nicht nutzen darf oder mag, findet hier weitere Informationen:

  • Dateien verschlüsseln, wenn man sie schon über Wetransfer schickt
  • Filesharing-Dienste mit Verschlüsselung
  • Wer Teil des DFN-Netzwerkes ist, kann auch auf dessen Cloud-Dienste zugreifen
  • Owncloud ist kein Filesharing-Service im klassischen Sinne, aber ein deutscher Anbieter zur Dateispeicherung und Kollaboration
  • NextCloud ist ebenfalls eine umfangreiche Lösung zum Teilen von Dateien, Mailen, Chatten, etc.
  • Das Tool Teamplace wird von einem Berliner Unternehmen bereitgestellt, bis zu 5GB Speicher pro Teamplace sind kostenfrei (man kann allerdings eine unbegrenzte Anzahl von Teamplaces eröffnen). Alle Nutzer*innen müssen einen Account anlegen.

Kollaboratives Texten

Es kann ungemein helfen, gemeinsam live an Texten zu arbeiten, statt ständig neue Dokumentversionen per E-Mail zu versenden und per Telefon zu besprechen. Für erste Textsammlungen ohne Schönheitsanspruch bieten sich z.B. Wikis oder Etherpads an. Etherpads sind basale, webbasierte Texteditoren, die als (oft Open Source-basierte) Alternativen zu Dropbox Paper oder Google Docs dienen können. Etherpads ermöglichen das gleichzeitige, gemeinsame Arbeiten an Texten im Web. Alle Schreibenden können Textänderungen der anderen direkt sehen.

Etwas elaborierter als ein Pad ist der in Deutschland gehostete, bereits erwähnte Service Teamplace (siehe oben), wo Dokumente gemeinsam bearbeitet und auch kommentiert werden können.

Mehr Infos zum kollaborativen Schreiben und Tipps zum Einrichten eines Etherpads hat ebildungslabor.de online zusammengetragen.

 

Kommunizieren – Abstimmungen, Teamchat, Videokonferenz

Microsoft Teams, Hangouts, Slack und Co. sind als Teamchat-Programme bekannt und weit verbreitet. Eine Teamchat-Alternative mit Servern in Amsterdam ist

Wer einen Bogen um Skype-Anrufe machen möchte, findet einen kostenlosen Open Source-Service für Videokonferenzen bei Jitsi und seinem browserbasierten Videokonferenzableger Jitsi.meet. Hier besteht auch die Möglichkeit, den eigenen Bildschirm mit anderen zu teilen.

Umfragen und Terminabstimmungen lassen sich über Doodle, seinen hiesigen, loginfreien Zwilling Nuudel und den kleinen Bruder Dudle, einem Dienst der TU Dresden, abwickeln:

Wer Fragen in die Runde stellen, live schriftliches Feedback einholen oder teamintern Abstimmungen durchführen möchte, kann auch einen Blick auf das Open Source-Tool frag.jetzt werfen. Das vom Land Hessen geförderte Tool ist in Entwicklung für Hochschulen und Lehrende, aber als Prototyp bereits frei zugänglich online:

  • frag.jetzt (Infos zu den Funktionen gibt es über den Button „Einführung“)

Projektmanagement

In der „Service mit Support“-Variante nicht kostenlos, aber mit Servern in der EU ist Open Project zur Projektplanung eine mögliche Alternative zu proprietären Angeboten wie Jira oder Trello. Das Open Source-Tool ist in der Community-Variante kostenlos – vorausgesetzt, man installiert es sich selbst. Es ist nicht ganz einfach in der Handhabe und Erfolg oder Misserfolg wie bei jeder anderen Projektmanagementsoftware auch abhängig von einer guten Moderation. Wer die Taskvergabe aber erst einmal verstanden hat, kann sehr spezifisch Aufgaben zuweisen.

Digital Brainstormen statt Post-It’s kleben

Als funktionsstarkes Whiteboard für das gemeinsame Konzepten und Pinnen von Ideen, Bildern, Inspirationen in Echtzeit, kombiniert mit Videochats, ist das Miro Board ein hilfreiches Tool für gemeinsames Online-Brainstorming. Nachteil ist, dass die Supporthilfen nur bei der Bezahlvariante greifen:

Etwas günstiger und in Deutschland gehostet sind Conceptboard und zum Mindmapping die Software MindMeister. Kostenlose Probe-Varianten sind vorhanden – allerdings mit Beschränkungen hinsichtlich Funktionsumfang und Teamgröße.

Wem es nur um das ganz einfache Karteikarten schreiben und auf ein virtuelles Board heften geht, findet in Oncoo eine kostenlose Alternative (ohne Registrierung) aus Deutschland. Nachteil: Entwickelt für den Einsatz im Schulkontext, werden die Pins allein oder in Teams bearbeitet und dann erst durch eine Moderation zum gemeinsamen Beschauen freigeschaltet.

Eine sehr umfangreiche Übersicht mit vielen weiteren Open Source-Tools und zugheöriger Anforderungsmatrix bieten auch die Kolleg*innen von Bits & Bäume (vielen Dank für die Meldung!).

Habt ihr weitere Software-Tipps? Dann sendet uns einfach eine Mail mit dem Betreff „Tools“ per kultur@technologiestiftung-berlin.de !

Text: Silvia Faulstich

 

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#closedbutopen: Kulturaktivitäten in Zeiten von Corona

23. März 2020

Zur Eindämmung des Corona-Virus bleiben viele Kulturstätten geschlossen, Events sind abgesagt. Hier erfahrt ihr, wie Berlin dennoch Zugänge zu Kulturinhalten schafft.

Bild zum Hashtag closedbutopen

Seit dem 13. März sind sämtliche kulturellen Veranstaltungen in Berlin eingestellt. Die Maßnahmen stellen eine enorme finanzielle Belastung für viele Institutionen dar und sind gerade für Freischaffende dramatisch. Umso beeindruckender sind die zahlreichen Aktionen, mit denen viele Akteur*innen kulturelle Angebote dennoch online weiter zugänglich machen. Teils besteht die Möglichkeit, das Engagement der Kulturschaffenden durch Spenden zu unterstützen.

Einige Beispiele aus Berlin haben wir hier gesammelt. Weitere Aktivitäten lassen sich über die Hashtags #closedbutopen, #KulturinZeitenvonCorona, #Kulturdigital und #DigAMus im Web verfolgen.

 

 

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Livestreams und Videoaufzeichnungen…

sind zentrale Medien, um kulturelle Inhalte und die eigene Arbeit auch in Zeiten von „social distancing“ zumindest online präsent zu halten. Über www.berlinalive.de können Kulturschaffende digitale Live-Kulturangebote anbieten, finden und teilen.

Darüber hinaus nutzen Kulturschaffende verschiedene Plattformen für ihre Inhalte:

>>>Videos selber machen: Livestreaming, kostenlose Videosoftware – Schnitt, Untertitel, u. Co.

Facebook, Youtube, Twitter und Co. bieten Anleitungen über das Streaming auf der jeweiligen Plattform:

Tipps zu Facebook Live finden sich auch sehr umfassend im Blog des Monitoring-Tools Hootsuite.

Um euch den Einstieg ins Livestreamen zu erleichtern, arbeiten wir gerade an einem „quick & dirty“-Leitfaden für Teams mit kleinem Budget. In der Zwischenzeit lohnt ein Blick in die Erfahrungssammlungen anderer Kulturinstitutionen wie dem National Museum of Scotland oder dem Getty Center.

>>> Videos erstellen

Wer keine Erfahrungen mit Videoproduktionen hat, findet in unserem Leitfaden für den Umgang mit Videoprojekten Tipps und Hinweise.

Neben den großen, funktionsmächtigen aber auch komplexen Schnittprogrammen gibt es zahlreiche solide Freeware-Tools für alle, die gelegentlich Videos schneiden und bearbeiten möchten:

Wer Videos mit Untertiteln versehen und somit barrierefreier machen möchte, kann sich die kostenlos herunterladbare Software CADET näher anschauen. Sie wurde vom National Center for Accessible Media (NCAM) in den USA entwickelt. Mit ihr lassen sich Untertitel zeitgenau den entsprechenden Stellen im Video zuordnen.

>>>Podcast 101

Wer das gesprochene Wort dem Bewegtbild vorzieht, der findet ganz frisch online ein Webinar des Kultur Management Network mit Matthias Stier (Technikmuseum Berlin).

 

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Video-Rundgänge und Hinter-die-Kulissen-Blicke via Social Media

Social Media war, ist und bleibt wichtig für den Zugang zu kulturellen Inhalten. Wenn schon nicht für den Publikumsverkehr geöffnet, bieten Kulturinstitutionen ungewohnte Blicke in ihren momentanen Arbeitsalltag oder in ihre (digitalen) Sammlungen:

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360°-Touren und Online-Ausstellungen

Und natürlich immer offen sind die digitalen Schätze und Onleihe-Angebote von Bibliotheken wie der Zentral- und Landesbibliothek Berlin oder der Staatsbibliothek zu Berlin.

 

>>> Digital erzählen & präsentieren

In Zeiten von Corona gewinnen virtuelle Kulturbesuche an Bedeutung – und an Aufmerksamkeit.

Wer tiefer in Möglichkeiten des online-Ausstellens bzw. des Scrollytelling im Web einsteigen möchte: Folgende Übersicht enthält eine Aufstellung von Ausdrucksmöglichkeiten und dafür eingesetzte Technologien bzw. PlugIns – einige davon Open Source.

Wer nicht gleich die eigene Website technisch anpassen möchte, kann auch auf vorhandene Ausstellungsplattformen zurückgreifen. Einrichtungen, die bereits digitalisierten Beständen haben und Datenlieferant in der Deutschen Digitalen Bibliothek sind, können deren kostenloses Ausstellungstool DDB Studio mit eigenem Content bespielen. Offen für digitale Inhalte von Kultureinrichtungen ist auch das deutsche Projekt museum-digital.org. Es ermöglicht inzwischen ebenfalls institutionsübergreifendes Storytelling zu Sammlungsobjekten aus verschiedenen Beständen.

 

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Wie kommen die Veranstaltungsinfos und Digitalangebote zu den Menschen nach Hause?

Viele Magazine, Zeitungen, Online-Portale und Social Media-Accounts nehmen nun auch digitale Angebote in ihre Veranstaltungshinweise auf. Hinweise an die verschiedenen Medien könnten sich also lohnen:

Die obigen Listen und Tipps haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wenn ihr weitere Beispiele hinzufügen wollt, dann meldet euch via kultur@technologiestiftung-berlin.de !

Ihr wollt wissen, welche Tools im Homeoffice-Alltag helfen können? Wir haben Software-Tipps in diesem Beitrag für euch gesammelt.

Text: Silvia Faulstich

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Corona-Ausfälle: Informationen zu Hilfsmaßnahmen für Künstler*innen

20. März 2020

Zahlreiche Newsletter und Verbände informieren über aktuelle Planungen zu Hilfsmaßnahmen für Künstler*innen und andere Selbständige aus dem Kulturbereich. Hier findet ihr eine erste Liste verschiedener Infoservices.

Maßnahmen und Informationsstellen aus Berlin:

  • Die Senatsverwaltung für Kultur und Europa informiert u.a. auf Twitter regelmäßig über geplante Hilfsmaßnahmen. Hierzu gehören u.a. Verfahrensvereinfachungen im Zuwendungsrecht. Anträge für Corona-Zuschüsse nimmt die Investitionsbank Berlin entgegen.
  • Der Kulturförderpunkt berät auch weiterhin, allerdings primär telefonisch.
  • Creative-City-Berlin informiert auf seiner Website, Twitter und Facebook über Hilfestellungen und gebündelt auch in einem sehr übersichtlichen Newsbeitrag (Stand 16.04.).
  • LAFT Newsletter: Der Newsletter des Landesverband für freie darstellende Künste Berlin e.V. bündelt wichtige Informationen zu aktuellen Maßnahmen und politischen Debatten rund um Hilfsmaßnahmen.
  • Zusätzlich hat Kreativ Kultur Berlin ein offenes GoogleDoc erstellt mit Informationen zu Hilfsmaßnahmen.

Übergreifende, deutschlandweite Informationsangebote:

 

Ein wichtiges Infomedium nicht dabei? Meldet uns weitere Infostellen via kultur@technologiestiftung-berlin.de

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Culture Meets Coder: Der Weg zum digitalen Kunstverleih

10. März 2020

Der Bezirk Lichtenberg bietet in der Galerie 100 in Alt-Hohenschönhausen originale zeitgenössische Kunstwerke zum Ausleihen an. Bislang nur vor Ort einseh- und auswählbar, wurde der Bestand im Zuge von ‚Culture-meets-Coder‘ digitalisiert und in einem Webportal strukturiert zur Suche zugänglich gemacht. Almut Koch,  Koordinatorin Fachbereich Kunst und Kultur, berichtet über Arbeitsschritte hin zur digitalen Artothek.

Eberhard Bachmann, Herbst am Obersee.

Eberhard Bachmann, Herbst am Obersee, 1998. © Bezirksamt Lichtenberg von Berlin. Foto: Florian Griep, 2009

Welchen Service hat der Kunstverleih Lichtenberg vor ‚Culture meets Coder‘ angeboten? Wie sieht das Angebot nun aus?

Almut Koch: Der Kunstverleih Lichtenberg verfügt über ca. 450 originale Kunstwerke, die für ein geringes Entgelt ausgeliehen werden können.  Sie stammen von gut 100 Künstler*innen und umfassen die Bereiche Malerei, Graphik, Zeichnung und Collage.  Bislang konnte man sich die vorhandenen Werke nur vor Ort in der Galerie ansehen. Die Auswahl erfolgte also rein analog. Neu ist nun, dass man sich die ausleihbaren Werke vorab digital ansehen und eine Vorauswahl treffen kann. Mit dieser Gesamtübersicht wird auch die Vielfalt der Sammlung und der jeweilige Ausleihstatus eines Werkes sichtbar, man kann nach Künstler*innen, Technik, Genre und Motiv recherchieren und bekommt zusätzlich Informationen zu den jeweiligen Künstler*innen.

 

Mit welchem Ausgangsmaterial seid ihr in das Digitalprojekt gestartet? Was war zu tun?

Es existierte eine gut geführte Inventarliste, die sehr bei der Systematisierung der Werke für die Onlinepublikation geholfen hat. Zudem waren glücklicherweise so gut wie alle Werke in ausreichender Auflösung fotografiert. Um die Abbildungen jedoch auch online sichtbar machen zu können, musste noch recherchiert werden, welche Künstler*innen, von denen der Kunstverleih Lichtenberg Werke besitzt, bei der VG Bildkunst gelistet sind. In diesen Fällen sind besondere Bildrechte zu beachten. Auch mussten hier und da die Nachlässe recherchiert werden.

 

Wie seid ihr bei der Rechteklärung vorgegangen?

In einem ersten Schritt wurden alle Künstler*innen angeschrieben, über das Vorhaben in Kenntnis gesetzt und um ihre schriftliche Einwilligung zur Digitalisierung ihrer Werke zu diesem besagten Zwecke gebeten. In einem zweiten Schritt wurden alle Künstler*innen des Kunstverleihs nacheinander über die Künstlersuche auf der Homepage der VG Bildkunst eingegeben. Wenn diese von der VG Bildkunst vertreten werden, ist es notwendig, die Nutzung der Werke online zu vergüten. Mit der VG Bildkunst gab es ausführliche Beratungsgespräche dazu. Auch weitere Bedingungen mussten erfüllt werden wie z.B. die korrekten Bildunterschriften und das Implementieren von PlugIns, die das Herunterladen der Abbildungen per rechten Mausklick verhindert. Dabei wird beim Rechtsklick das Kontextmenü nicht angezeigt, welches üblicherweise Speicher- und Kopieroptionen einblendet. Dies baut in gewissem Maße eine Hürde für das Kopieren von Websiteinhalten auf.

 

Wie habt ihr identifiziert, welche Funktionen die Online-Datenbank für die Besucher*innen bereitstellen sollte?

Vorab erfolgte eine ausführliche Recherche zum aktuellen Stand von Artotheken, insbesondere in Berlin, aber auch darüber hinaus. Es fanden persönliche Gespräche mit Künstler*innen und Nutzer*innen statt in denen Bedarfe und Wünsche diskutiert werden konnten. Natürlich gab es auch Beratung mit den Kolleg*innen der Galerie zum bisherigen Nutzer*innenverhalten, Wünschen, Möglichkeiten und perspektivischen Bedarfen. Nicht zuletzt konnten wir die fundierte Erfahrung unseres Webmasters nutzen, der mehrere Referenzen im Kulturbereich vorweisen und sich somit sehr gut in die Bedarfe hineindenken konnte.

 

Welche Erfahrungen habt ihr bislang aus dem Testbetrieb ableiten können?

Die Seite ist gut und übersichtlich aufgebaut. Vor allem ist sie intuitiv nutzbar. Auch hier bewährt sich, dass die konzeptionelle und beratende Phase sehr viel Zeit in Anspruch genommen hat. Wir bieten auch viele unterstützende Optionen zur besseren Lesbarkeit des Angebots an – wie etwa Schriftvergrößerung, Kontrastanpassung, Graustufeneinstellungen, etc. Sie sind über ein gesondertes Menüfeld ansteuerbar. Das Menü-Icon für diese Eingabehilfen haben wir noch einmal geändert, da dieses nicht eindeutig identifizierbar war. Auch die Leihverträge und die Leihbedingungen wurden in dieser Phase aktualisiert und online gestellt, so dass man sich auch darüber vorab informieren kann.

 

Die eigentliche Bestellung bzw. Ausleihe eines Werks wird auch weiterhin über den Direktkontakt vor Ort abgewickelt. Was sind Gründe hierfür?

Der Kunstverleih ist kein Onlineshop mit optionalem Lieferservice. Dies würde ganz andere Voraussetzungen bedeuten, was personelle, finanzielle und räumliche Ressourcen betrifft. Auch Gründe der Versicherung spielen hier eine Rolle. Das Werk wirkt natürlich auch im Original noch einmal anders – und so ‚ziehen‘ wir natürlich auch Interessent*innen nach Lichtenberg und in die Galerie, die immer ein sehr spannendes Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm bietet.

 

Was wären künftige Weiterentwicklungsmöglichkeiten aus redaktioneller und technisch-funktionaler Sicht?

Ein schönes zusätzliches Tool wäre die Dauer der Ausleihe zu markieren und die Option, Werke vorab online zu reservieren. Außerdem arbeiten wir aktuell an der Umsetzung der Seite in Leichter Sprache, die im Wesentlichen die Nutzung für Menschen mit kognitiven Einschränkungen bzw. nichtdeutscher Herkunft erläutern soll.

 

Was würdest du anderen Kulturinstitutionen raten, die ebenfalls ein Online-Ausleih-Angebot aufbauen möchten? Was waren wichtige Lessons Learned?

Ausreichend Zeit einzuplanen, um alle Aspekte gut und gründlich berücksichtigen zu können. Besonders in der konzeptionellen Phase sollte man das Projekt „zu Ende denken“. Zu beachten ist, dass die Rückläufe der Einverständniserklärungen viel Zeit erfordern und es hier zu Stolpersteinen wie postalische Unzustellbarkeit kommen kann. Empfehlenswert für die technische Umsetzung ist es, eine Agentur anzufragen, die Referenzen im Kultur-/Kunstbereich aufweist.

Die Fragen stellte: Silvia Faulstich

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