Informatives

Mit dem Projekt „kulturBdigital“ möchten wir ein Forum und eine „Werkstatt“ bieten, Praxiswissen vermitteln, ausprobieren, Hemmschwellen abbauen und sparten- und einrichtungsübergreifend Kulturakteure befähigen, Digitales in der täglichen Arbeit mitzudenken.

Leitfaden für die Realisation von Videoprojekten

8. April 2019

Timm Straßheim von KARACHO Film hat einen Leitfaden erstellt, der verschiedene allgemeine und strategische Aspekte für die Realisation von Videoprojekten beleuchtet, die mitunter folgende Punkte aufgreifen:

  • Geschichten. Emotionen. Nutzer*innenverhalten –> Vor- und Nachteile von Videos
  • Vorstellung von Videoarten und Zielen
  • Strategische Vorbereitung für die Videoagentur oder die Eigenproduktion
  • Aufwände einer Videoproduktion anhand von Praxisbeispielen
  • Videoseeding – Verbreitung von Webvideos anhand eigener Kanäle und ggf. bezahlter Videoanzeigen

Den kompletten Leitfaden könnt ihr Euch hier downloaden.
Viel Spaß und Erfolg bei der Umsetzung Eurer Projekte!

 

Am 03.04.2019 hat im Rahmen des kulturBdigital Labs eine Informationsveranstaltung zur Erstellung von Webvideos stattgefunden, bei dem der Leitfaden erstmals vorgestellt und diskutiert wurde.

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Resümee der Konferenz „kulturBdigital – Digitale Entwicklung des Kulturbereichs“

23. Januar 2019

300 Vertreter*innen der Berliner Kulturszene, die sich mitten im Produktionsstress einen Tag Zeit nehmen, um sich mit der Bedeutung von Digitalisierung für ihre Arbeit zu befassen. Das ist in sich schon ein Statement. Die rege Publikumsbeteiligung und die Gespräche während der Veranstaltungspausen haben gezeigt: Es gibt Redebedarf und die Akteure der Kulturszene haben Lust mitzureden.

Bis jetzt haben die meisten Häuser versucht, die sich rasant ändernden Anforderungen durch die Digitalisierung als Einzelkämpfer zu meistern. Sie haben Webseiten gepflegt, Zeit und Energie in die Digitalisierung von analogen Kulturgütern gesteckt und neue Formate ausprobiert. Am Berliner Ensemble hatte im September das Stück „Die Parallelwelt“ Premiere. Eine Simultanaufführung, bei der sieben Schauspieler*innen des Berliner Ensembles und des Schauspiel Dortmund zeitgleich miteinander Theater spielen. Verbunden in Echtzeit durch ein Glasfaserkabel, das Bilder und Töne in Lichtgeschwindigkeit über 420,62 Kilometer Luftlinie zwischen Dortmund und Berlin hin- und hertransportiert.

Digitale Experimente wie dieses gibt es immer mehr, aber zu oft entstehen sie aus dem Enthusiasmus Einzelner und bleiben damit Inseln im regulären Spielplanbetrieb. Wenn Digitale Innovation im Kulturbetrieb die Regel werden soll, das haben die Vorträge und die Diskussion bei der Konferenz kulturBdigital gezeigt, dann müssen sich Arbeits- und Denkweisen grundlegend ändern.

Nicolas Zimmer und Dr. Sebastian Meier von der Technologiestiftung Berlin appellierten in ihren Vorträgen an einen anderen Umgang mit Daten. Metatags für Suchmaschinen und Analysetools für Webseiten sind nur einige der Punkte, an denen die wertvolle Zeit von Kulturarbeiter*innen gut investiert ist: „Hier muss möglichst schnell ein Umdenken stattfinden, denn was nützt eine aufwendig gestaltete und gepflegte Webseite, wenn sie die Zielgruppe nicht erreicht? Wer hier Zeit spart, spart am falschen Ende“, sagt Nicolas Zimmer, Vorstandsvorsitzender der Technologiestiftung Berlin. Außerdem müsse man sich Gedanken machen, wie man den Plattform-Gedanken für die Berliner Kultureinrichtungen nutzbar macht.

Katrin Glinka vom Projekt museum4punkt0 plädiert für einen institutionenübergreifenden Austausch in dem auch das „Risiko“ eingegangen wird, etwas Unfertiges oder womöglich Gescheitertes zu zeigen. In der Start Up Szene seien dieser Austausch von Zwischenergebnissen und am Nutzer orientierte Design-Thinking-Prozesse die Regel. Mit museum4punkt0 hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz eine Struktur geschaffen, die über Institutionengrenzen hinweg agiert und auch ein Vorbild für andere Sparten sein kann.

Susanne Schuster und Philip Steimel, die als Freie Theatermacher mit digitalen Techniken wie Algorithmen oder Computerspielelementen arbeiten, berichten in ihren Vorträgen von der inhaltlichen Bereicherung, die Digitale Innovation in den performativen Künsten freisetzen kann. Sie erläutern aber auch die großen Unterschiede zwischen Freier Szene und den etablierten Häusern und stellen die Frage, wie statt einer „Digitalisierungspanik“ ein digitales Selbstbewusstsein entstehen kann. Nur dann könne Kultur auch inhaltlich eine Stimme sein, die mitredet, wohin sich unsere digitalisierte Gesellschaft weiterentwickelt.

Prof. Dr. Thorsten Koch vom Zuse Institut Berlin berichtet von eindrucksvollen Erfolgen des Berliner „Förderprogramm Digitalisierung“: Seit der Gründung 2012 wurden über eine Million analoge Kulturgüter von der Urkunde bis zum Dinosaurierknochen digital erfasst und so für die Nachwelt gesichert. Ein Datenschatz, dessen Nachnutzung viele Potentiale für Kulturinstitutionen bietet, zum Beispiel in der Ausstellungsgestaltung und Datenvisualisierung.

Kultursenator Dr. Klaus Lederer betonte in seinem Vortrag zum Innovationsfonds und in der darauffolgenden Diskussion, wie tiefgreifend der Mentalitätswandel ist, der sich in Kulturinstitutionen vollziehen muss: „Kultureinrichtungen sind nicht für sich selbst da, sondern für die die dahingehen. Und für die, die potentiell hingehen könnten, das aber nicht tun.“ Digitale Innovation könne den Weg zu einer barrierefreien Kulturvermittlung eröffnen, sagt Klaus Lederer. Die Aufgabe der Digitalen Entwicklung im Kulturbereich sei auch vom finanziellen Aufwand weit umfassender, als die Mittel des Innovationsfonds. Mit den für das Projekt kulturBdigital vorgesehenen Summen von insgesamt 750.000 Euro für die Jahre 2018 und 2019 wolle man erst mal vorfühlen, wo die Bedarfe sind. Das Geld solle nicht für Digitale Infrastruktur wie schnellere Rechner oder halbe Social-Media-Stellen ausgegeben werden, sondern für Projekte mit Modellcharakter. „Es geht auch darum zu verhandeln, in welcher digitalen Welt leben wir eigentlich?“.

 

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Diskussion „Was braucht’s für die digitale Entwicklung des Kulturbereichs?“

22. Januar 2019

Wie kommt die Idee eines Innovationsfonds zur digitalen Entwicklung im Kulturbereich bei denen an, die sich schon auf den Weg in Richtung einer wirklich digitalen Entwicklung gemacht haben - inklusive Rückschläge? In der Podiumsdiskussion „Was braucht’s für die digitale Entwicklung des Kulturbereichs?“ traf Kultursenator Klaus Lederer auf Professor Friedrich Kirschner von der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und Danilo Vetter, Fachbereichsleiter bei der Stadtbibliothek Pankow und aktiv im Verbundsnetz Bibliotheken.

Videoproduktion: Bollemedia TV- und Videoproduktion

Friedrich Kirschner unterrichtet seit 2012 an der Hochschule Ernst Busch im Bereich „Digitale Medien im Puppenspiel“. Er nutzt Computerspiele für seine Arbeit, hat eigene Software entwickelt und teilt diese Leidenschaft mit seinen Studierenden. Seinen Anspruch und damit auch den Wunsch an den Innovationsfonds formuliert er so: „Ich möchte Theaterschaffenden etwas bieten mit meiner Forschung.“ Das sei schließlich die klassische Aufgabe der Hochschulen: Dinge zu erforschen ohne direkten Anwendungsdruck und die Ergebnisse dann mit Praktikern zu teilen. Genau dieser Austausch, sagt Kirschner, findet noch zu wenig statt.

Danilo Vetter beobachtet in den Berliner Bibliotheken zwei verschiedene Innovationsgeschwindigkeiten zwischen den Zentralen Einrichtungen und dem Bezirk. Im Bereich der ZLB werden beinahe monatlich neue digitale Angebote eingeführt – vom Zugang zur Datenbank Statista bis zum Konzertmitschnitt über die Plattform „Medici.tv“. Die größte Aufgabe stellt sich dabei vor allem in der Förderung der Innovationskultur – damit die Mitarbeiter*innen bei dieser rasanten Veränderung auch mitgenommen werden.

Diese Kluft kennt auch Kultursenator Klaus Lederer: „Wir brauchen Menschen mit Vermittlungskompetenz, die in Institutionen Digitalisierung vorantreiben.“ Das Vorbild des  „Verbundsnetz Bibliotheken“ zeige, dass es Sinn machen kann Parallelstrukturen anzulegen, in denen ein Wissensaustausch abseits der etablierten Strukturen möglich ist. Mit Blick auf ältere Mitarbeiter*innen betont er: „Öffnung ist keine Altersfrage, sondern eine Frage der Offenheit. Es muss aber auch einen Generationswechsel in den Häusern geben.

Mit den für den Fonds vorgesehenen Summen wolle man erst mal vorfühlen, wo die Bedarfe sind. „Es geht nicht darum, Lücken im Changemanagement von Kultureinrichtungen zu decken.“ Die Digitalisierung müsse Teil der DNA von Einrichtungen werden und damit auch Teil des Finanzkonzeptes. Das Geld aus dem Innovationsfonds soll also nicht für schnellere Rechner oder halbe Social-Media-Stellen ausgegeben werden, sondern für Projekte mit Modellcharakter: „Es geht auch darum zu verhandeln in welcher digitalen Welt leben wir eigentlich?“

Den Bedarf für eine solche Debatte sehen auch Danilo Vetter vom Verbundsnetz Bibliotheken und Prof. Friedrich Kirschner von der Schauspielschule Ernst Busch. Kultureinrichtungen seien in der heutigen Gesellschaft einer der wenigen frei zugänglichen öffentlichen Räume, wo Menschen abseits von Konsumzusammenhängen zusammenkommen können, sagen sie übereinstimmend. Welche Aufgaben diese Räume erfüllen, hängt auch von den Bedürfnissen der Öffentlichkeit ab. Es könne bei den Projekten des Innovationsfonds nicht „um eine App gehen, die ein paar Nerds nutzen“

Wenn man sich auf diesen Gedanken einlässt, sagt Danilo Vetter können ungewöhnliche Projekte entstehen. Die Bezirksbibliothek in Charlottenburg stellt den Nutzer mitten im Lesesaal einen Musik-Makerspace zur Verfügung. In Reinickendorf werden Roboter zur Leseförderung eingesetzt. Solche Projekte bieten Gelegenheit für die Kooperation mit externen Partner wie dem Fraunhofer Institut, was wiederum wertvolle Impulse in die Institution Bibliothek gibt.

Räume sind ein Thema, das Prof. Friedrich Kirschner mit Blick auf die Freie Szene umtreibt: Wo gibt es Veranstaltungsorte, die sich für digitale Experimente öffnen? Ist das Geld des Innovationsfonds in den großen Häusern gut angelegt? „Zugespitzt gefragt: Was hat das Deutsche Theater davon, dass es dort Wifi gibt? Muss man dann ausschliesslich Angst haben, dass alle dann lieber auf ihr Handy schauen? “ Es sei wichtig, sagt Kirschner, dass bei den Förderkriterien für den Innovationsfonds die Projekte an Räume gekoppelt werden, wo der digitale Erfahrungsschatz auch erhalten bleibt.

Kultursenator Klaus Lederer versteht diese Sorgen, warnt aber vor einem Frontendenken zwischen Freier Szene und den „großen Tankern“. Die Berliner Schaubude sei ein gutes Gegenbeispiel. „Für Veränderung braucht es auch Anforderungsdruck von außen.“ Es gäbe in den Häusern aber auch Ängste, die man ernst nehmen müssen. „Es kann nicht heißen: Wenn ihr digital seid, braucht ihr ja die analogen Leute nicht mehr. Das sind auch Kämpfe um Haushaltsmittel.“

Der Innovationsfonds, sagt Lederer, solle vor allem ein Experimentierfonds sein, der Lust auf Veränderung macht. „Ich möchte möglichst viele Leute neugierig machen, sich in diesen Prozess einzuklinken.“

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Senator Dr. Klaus Lederer – „Innovationsfonds“

21. Januar 2019

Senator Dr. Klaus Lederer von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa hat die Idee eines „Innovationsfonds zur digitalen Entwicklung im Kulturbereich“ erstmals im April 2018 auf der re:publica vorgestellt.

Das war der Anstoß für einen moderierten Findungsprozess, in dem zuerst die Bedarfe der Kulturschaffenden aufgenommen werden sollen und für den im Senatshaushalt 2018 und 2019 insgesamt 750.000 Euro zur Verfügung gestellt werden. Auf dieser Basis soll eine Förderrichtlinie für den Innovationsfonds entwickelt werden, der ab 2020 bereitgestellt wird. Der offene Prozess, in dem die Förderrichtlinie erarbeitet wird, ist selbst Ausdruck des digitalen Mindsets, das in der Berliner Kultur gefördert werden soll.

Videoproduktion: Bollemedia TV- und Videoproduktion

Die Senatsverwaltung für Kultur und Europa sieht sich dabei weniger als Innovationstreiberin denn als Dienstleisterin für Institutionen und Akteure aus der Freien Szene, die ihre digitale Entwicklung vorantreiben wollen: Das Ziel ist es, Modellprojekte zu fördern, die spartenübergreifende Bedeutung haben. Es geht also nicht um Investitionen in digitale Infrastruktur und auch nicht um eine Förderung von Kulturinstitutionen, die ohnehin mit einem großen Budget ausgestattet sind.

Dabei schließt der Innovationsfonds die Lücke zwischen der Arbeit der digiS, die digitale Kopien von analogen Kulturgütern erstellt und der Publikumsentwicklung mit Digitalen Mitteln.

Die Digitalisierung wird „echte“ Kunstwerke nicht überflüssig machen, sie fügt ihnen nur eine Ebene hinzu und erschließt so neue Zielgruppen, die im Moment von der kulturellen Teilhabe ausgeschlossen sind. Vielleicht ist es mit Hilfe der Digitalisierung in Zukunft möglich, einen Avatar durchs Museum laufen zu lassen und Kunstwerke in der Virtuellen Realität zu erleben. Damit hätten auch Personen mit Mobilitätseinschränkung Zugang zu öffentlich geförderter Kunst.

Interessant ist die Digitalisierung auch mit Blick auf geraubte Kulturgüter: Wenn ein Kulturgut digital zur Verfügung steht, kann es beliebig vervielfältigt werden und der bisher exklusive analoge Zugang würde an Bedeutung verlieren.Besonders brisant ist auch der Bereich digitales Ticketing. Im Moment gibt es in diesem Bereich monopolartige Strukturen, in denen ein großer Internetkonzern die Konditionen bestimmt. Es wird zum Beispiel eine Gebühr für das Ausdrucken der Tickets verlangt, was Nutzer*innen verärgert und letztlich den Kultureinrichtungen schadet. Klaus Lederer: „Es ist ein unhaltbarer Zustand, dass ein Unternehmen nicht nur von der öffentlichen Angebotsstruktur profitiert, indem es die Tickets verkauft, sondern auch noch die Daten der Nutzer*innen und damit wertvolles Wissen über die Zuschauer*innen bekommt.“ Ein mögliches Förderfeld für den Innovationsfonds wäre es, ein alternatives Ticketingsystem einzuführen, das auch kleinere Häuser nutzen können.

Diese Punkte zeigen, wie groß der Handlungsbedarf in Sachen Digitalisierung ist: „Wir sind ohnehin schon spät dran. Wenn sich der Kulturbetrieb der Digitalisierung nicht öffnet, können wir mit der Innovationskraft von renditegetriebenen Unternehmen nicht Schritt halten.“

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Prof. Dr. Thorsten Koch: „Das Beste kommt nicht zum Schluss – Zur Archivierung und dauerhaften Verfügbarkeit von Daten“

18. Januar 2019

Prof. Dr. Thorsten Koch ist Mathematiker und Leiter der Abteilung Wissenschaftliche Information am Zuse Institut Berlin, einem außeruniversitären Forschungsinstitut des Landes Berlin für angewandte Mathematik und Informatik. Dort ist das „Forschungs- und Kompetenzzentrum Digitalisierung Berlin - digiS“ angesiedelt. digiS koordiniert das landesweite und spartenübergreifende Förderprogramm zur Digitalisierung von Objekten des kulturellen Erbes und unterstützt seine Berliner Projektpartner bei der Umsetzung ihrer Digitalisierungsprojekte unter anderem mit technischer Infrastruktur zur nachhaltigen Archivierung und damit dauerhaften Verfügbarmachung der Daten aus den Projekten.

Videoproduktion: Bollemedia TV- und Videoproduktion

Im Rahmen des Förderprogramms wurden seit 2012 71 Projekte in 32 Berliner Kultur(erbe)-einrichtungen durchgeführt – im Schnitt 9-10 Projekte pro Jahr. Die Auswahlempfehlung erfolgt durch eine externe Fachjury. Die Gesamtfördersumme liegt 2019 erstmals  bei 600.000 €.

Die Bewerbung im „Förderprogramm Digitalisierung“ steht allen Kultureinrichtungen mit Sitz in Berlin offen.

digiS und das Förderprogramm stellen insofern eine sinnvolle Ergänzung für den geplanten „Innovationsfonds zur digitalen Entwicklung im Kulturbereich“ dar, da durch digiS für die dauerhafte Verfügbarmachung von digitalem Kulturgut im Sinn der Langzeitarchivierung ein nachhaltiges Konzept, Kompetenzen und in Kooperation mit dem Zuse-Institut Berlin und dem KOBV (Kooperativer Bibliotheksverbund Berlin-Brandenburg) eine technische Infrastruktur vorhält.

digiS versteht sich als Partner der am Förderprogramm beteiligten Institutionen.  Das Förderprogramm ist auch ein „Lernprogramm“, und bietet über die von digiS durchgeführten Workshops und ein umfängliches Beratungsangebot eine Plattform für seine Partner, sich die notwendigen Kompetenzen für die Ausgestaltung einer musealen (archivischen, bibliothekarischen etc.) digitalen Praxis anzueignen.

Das Workshop- und Beratungsangebot reicht von praktischen Fragen angefangen bei der Auswahl und den technischen Digitalisierungsparametern der sehr heterogenen Kulturerbeobjekte bis hin zu komplexen rechtlichen Fragestellungen. Die Palette der digiS-Projekte reicht von Gemälden, Fotografien, AV-Medien über Regiebücher, Saurierknochen bis hin zu Adressbuchkunstwerken oder Stoffmusterbüchern. Es reicht eben nicht aus, Stoffmuster hochauflösend abzufotografieren, sondern die künftigen NutzerInnen wollen auch etwas über die Materialzusammensetzung des Fadens wissen oder vielleicht das Webmuster unterm Mikroskop sehen. Dies zeigt, welche Herausforderungen Kulturobjekte auch an die Archivierung stellen: Sie sind sehr unterschiedlich, müssen aber trotzdem in eine einheitliche Struktur gebracht und standardisiert beschrieben  werden, um für die Kulturgutportale der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB) oder der Europeana nachnutzbar zu sein.

Die Herausforderung der digitalen Langzeitarchivierung  ist es, die in den digitalen Daten enthaltenen Informationen dauerhaft so verfügbar zu halten, dass auch künftige NutzerInnen sie noch nachnutzen können. Eine offene Frage ist dabei, dass wir heute teilweise noch gar nicht wissen, mit welchen wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden und Datenverarbeitungstechniken wir es in Zukunft zu tun bekommen. Eine Sammlungsdatei, die beispielsweise in den 90er Jahren auf Diskette gespeichert wurde, lässt sich heute nicht mehr ohne weiteres nutzen.

Für das von digiS in Kooperation mit dem KOBV am ZIB entwickelte LZA-System EWIG  wird im Zuge maximaler Transparenz prinzipiell nur Open Source Software eingesetzt.

In einer brandgeschützen Sicherheitszelle kopieren zwei Bandroboter die Daten auf Magnetbänder, wobei jeder Datensatz doppelt gespeichert wird. Obwohl in den Speichern inzwischen Daten von über einer Million Objekte von der Urkunde bis zum Dinosaurierknochen lagern, sind die 150 Petabyte erst zu einem Bruchteil ausgeschöpft. Technisch gesehen ist also genug Platz da, um noch sehr viel mehr kulturelle Objekte zu sichern. Der limitierende Faktor ist eher der Zeitaufwand um einen umfassenden Digitalisierungsworkflow in den Institutionen selbst ein- und auszuführen, sowie für die Vorbereitung der Daten zur Übernahme in das Langzeitarchiv – dies erfolgt in enger Unterstützung und Beratung mit digiS. Zunächst sind aber auch bei der digitalen EWIG-keitsfrage die Institutionen gefordert: Jede Institution muss also für sich hierzu eine Bewertungsentscheidung treffen. Was soll aufgehoben werden, was nicht? Auf jeden Fall sollten sie dabei keine Zeit verlieren: Video- und Tonbänder zersetzen sich schnell, Laufwerke ändern sich, so dass Objekte nicht mehr abspielbar sind. Der Platz ist da, aber die Zeit drängt.

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Philip Steimel: „Die Realität hat die geilste Grafik, aber… – machina eX inter(re)aktives Computerspiel-Theater“

17. Januar 2019

Jan Philip Steimel ist „eXperte für Programmierung und (B)lötzinn“ beim Medientheaterkollektiv machina eX. Die Produktionen von machina eX sind spielbare Theaterstücke und zugleich begehbare Computerstücke.

Videoproduktion: Bollemedia TV- und Videoproduktion

Die Szenarien sind unterschiedlich, mal geht es um Cyberkrieg, mal um Migration, mal um Game-Design selbst, wie in der aktuellen Produktion „Disaster“. Gemeinsam ist allen Produktionen, dass die Zuschauer*innen gemeinsam mit den Schauspieler*innen auf der Bühne stehen und kooperieren müssen, um Aufgaben zu lösen und die Handlung voranzutreiben. Die Handlung selbst ist multilinear, das heißt, sie kann an Schnittstellen verschiedene Richtungen einschlagen.

Die Technik für die Umsetzung ihrer Ideen entwickelt das Theaterkollektiv selbst, wobei die Technik eher im Hintergrund stehen soll. Hinter einem Safe oder einem Telefon kann sich ein komplizierter, selbst entwickelter Steuerungsmechanismus verstecken. Durch diese haptische Erfahrbarkeit sinkt die Hemmschwelle des Publikums, sich aktiv einzubringen und Dinge auszuprobieren. Ein altmodisches Wahlscheibentelefon in einem der Stücke lässt zum Beispiel Menschen der älteren Generation zu Expert*innen werden, die sonst eher am Rand stehen.

Machina eX-Produktionen sind sehr gefragt bei Theaterhäusern, weil es dort eine Art „Digitalisierungspanik“ gibt. Es gibt den spürbaren Bedarf, die Digitalisierung zu thematisieren und andere interaktive Formate zu entwickeln, gleichzeitig fällt es den großen Institutionen schwer, das aus sich heraus zu entwickeln. Machina eX wird da manchmal als Erlösungsversprechen gesehen, damit ein Haus „digital aussieht“. Aber wenn wir weiterziehen, hat sich in Wirklichkeit nicht so viel verändert.

Eine wirkliche künstlerische Auseinandersetzung mit der Digitalisierung findet bisher fast nur in der Freien Szene statt und manchmal im Rahmen von Festivals, die einen Freiraum im der Spielplan-Routine bilden. Das hat auch mit den Abläufen im Theater zu tun: Man arbeitet auf eine Premiere hin und ist mit sich selbst beschäftigt. Dadurch kommt der Austausch – auch über Ideen und Unfertiges oft zu kurz.

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Susanne Schuster: „Being a Unicorn – Digitale Innovationen in den Freien performativen Künsten“

16. Januar 2019

Wie sehen digitale Innovationen in den Freien performativen Künsten aus? Um das zu veranschaulichen, hat Susanne Schuster mehrere Beispiele aus den letzten Jahren mitgebracht. Sie arbeitet als Dramaturgin selbst mit digitalen Technologien und leitet gemeinsam mit Julian Kamphausen das Hamburger Festival „Hauptsache Frei“, das spartenübergreifende innovative Produktionen Hamburgs zeigt.

Videoproduktion: Bollemedia TV- und Videoproduktion

Der wichtigste Ansatz, der alle vorgestellten Ansätze verbindet: Sie sehen Digitalisierung als Teil ihres künstlerischen Prozesses und nicht als „Wurmfortsatz“, um Produktionen zeitgemäß zu verbreiten oder ihnen einen modernen Anstrich zu geben. Nur so kann Kunst abbilden, wie tiefgreifend Algorithmen heute in unsere Lebensrealität eingreifen, wobei das Machtgefälle zwischen wenigen großen Digitalkonzernen und der Bevölkerung immer größer wird.

Was heißt das für die künstlerische Praxis? Es gibt unzählige Ansätze und viele freie Gruppen, die sich mit diesen Themen auf der Bühne auseinandersetzen, beispielsweise Prinzip Gonzo, Turbo Pascal oder Invisible Playground. Sie adaptieren digitale Erzählstrategien für die Bühne und binden dabei das Publikum in einem interaktiven Prozess mit ein. Dadurch wird jede Vorstellung zum unvorhersehbaren Prozess. Die Künstler*innen geben dabei „nur“ den Rahmen vor.

Folgende Beispiel sollten das nochmal verdeutlichen:

1.) Rimini Protokoll „Staat 1 –  Top Secret International“: Das Publikum schlüpft in Rollen wie Journalist*in, Spion*in, Whistleblower*in und bewegt sich, durch einen von der Theatergruppe entwickelten Algorithmus geleitet, zwischen normalen Ausstellungsbesucher*innen. (https://vimeo.com/223340119)

2.) Interrobang „To Like or Not to Like“: Mit Fotos und persönlichen Angaben des Publikums entsteht jeden Abend eine neue Datensammlung, die mit einer selbst entwickelten Software visualisiert wird. Die Zuschauer*innen erleben, wie viel schon dieses „Little Big Data“ über sie preisgibt. (https://vimeo.com/189530091)

3.) Costa Compagnie „Ok, Google“: Fünf Performer*innen bespielen die Bühne gemeinsam mit einer künstlichen Intelligenz in Form eines „Google Home“-Gerätes.  Mit diesem virtuellen aber gleichzeitig materiellen Mitspieler treten die Performer*innen in einen Dialog über künstliche Intelligenz. (https://vimeo.com/290947700)

4.) OutOfTheBox (Susanne Schuster und Ricardo Gehn) „lostinalgorithm“: Hier handelt es sich um eine reine Onlineplattform, auf der das Publikum Algorithmus-basierte Anleitungen für die Erkundung ihrer Umgebung erhält und ermächtigt wird, eigene Algorithmen zu gestalten. Sie versteht sich als eine Art „Anti-Google-Maps“, die nicht zielorientiert, sondern explorativ agiert. (https://lostinalgorithm.de/)

Damit in Zukunft noch mehr solcher innovativen Formate entstehen, sieht Susanne Schuster u.a. folgende Handlungsfelder.

  • Es muss Forschungsräume geben: Orte für Aufführungen und Ausbildung, finanzielle Freiräume in Form von Stipendien, Residenzen oder bezahlten Workshops.
  • Programmierwissen und Erfahrungen sollen für alle nutzbar sein. Eine nichtkommerzielle „Agentur für digitale Kunstproduktion“ könnte Fragen bündeln und Expert*innen
  • In den Kulturinstitutionen sollte es eigene „Digitalisierungsstellen“ geben, die digitale Strategien anwenden und die Institutionen dabei unterstützen ins digitale Zeitalter zu überführen.

Nur wenn hier gehandelt wird, kann sichergestellt werden, dass die Kunst bei dem massiven gesellschaftlichen Veränderungsprozess der Digitalisierung nicht abgehängt wird und alternative Gesellschaftsentwürfe entwickeln und zeigen kann.

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Dr. Sebastian Meier: „Kultur in der vernetzten Stadt – Vernetzung durch offene Daten und Schnittstellen“

15. Januar 2019

Dr. Sebastian Meier ist Lead Data Scientist bei der Technologiestiftung Berlin. In seinem Vortrag geht es um die Frage, wie Daten – zum Beispiel auf Internetseiten von Kultureinrichtungen – so angeboten werden können, dass sie maschinenlesbar werden. Informationen zum Beispiel über Adresse und Öffnungszeiten können so von Suchmaschinen gefunden werden, oder über APIs (programmierbare Schnittstellen) von anderen Programmen ausgelesen werden.

Videoproduktion: Bollemedia TV- und Videoproduktion

Eine Vision, die von solchen Daten lebt, wäre zum Beispiel eine Daten-Plattform für alle Berliner Kulturinstitutionen. Ein solches Angebot könnten Drittanbieter nutzen, um Serviceangebote wie eine Berliner Kulturplattform zu entwickeln wo Nutzer*innen Angebote nach Zeit, Sparte und Ort filtern und im Idealfall ihren persönlichen Interessen anpassen können.

Die wichtigsten Daten, die dabei für Nutzer*innen von Interesse sind, sind neben Ort, Öffnungszeiten und aktuellen Ausstellungen, Informationen zu Eintrittspreisen und Ticketkauf, zu Inhalten und Zielgruppe, zu Barrierefreiheit und Kinderfreundlichkeit.

Diese Daten für Suchmaschinen strukturiert aufzubereiten und auffindbar zu machen, bedeutet im ersten Schritt einen Mehraufwand. Es ist aber auf lange Sicht eine Arbeitserleichterung, weil Informationen, die automatisch ausgelesen werden, nicht von Hand gepflegt werden müssen, wenn sie z.B. auf Tourismusplattformen wie visitBerlin übernommen werden.

Ein Best Practice Beispiel für offene Daten und Schnittstellen ist das Rijksmuseum in Amsterdam. Wenn man danach in Google sucht, so wie es über 90 Prozent der deutschen Nutzer*innen tun, bekommt man in GoogleMaps auf den ersten Blick alle wichtigen Informationen für den Besuch angezeigt.

Abb. 1: Ausschnitt von Galerien in Berlin (maps.google.com )

Das Rijksmuseum geht aber noch weit darüber hinaus: Alle Kunstwerke aus der Ausstellung und dem Depot stehen als hoch aufgelöste Bilddateien im Netz und können als Open Source Dateien von jedem heruntergeladen, eingebunden und weiterverwendet werden.

Die anfängliche Sorge, dass niemand mehr ins Museum kommt, wenn alle Exponate online einsehbar sind, hat sich als unbegründet erwiesen. Die Besucher*innenzahlen sind seit der Einführung des Angebotes nicht zurückgegangen.

Offene Daten bieten Museen auch neue Ansätze für Vermittlungsangebote. Der Louvre in Paris bietet Besucher*innen zum Beispiel an, sich aufgrund von Ausstellungsdaten seinen persönlichen Rundgang zusammenzustellen. Je nach Interesse kann sich der Besucher oder die Besucherin Meisterwerke ansehen, oder die Orte, an denen JAY-Z und Beyoncé ihr neues Musikvideo gedreht haben aufsuchen.

Das Google Arts & Culture Projekt oder die Projekte der Initiative Coding da Vinci nutzen die Daten von digitalisierten Kunstwerken für neue Visualisierungen. Exponate können zum Beispiel nach Motiven oder optischen Ähnlichkeiten sortiert werden und damit neue, spielerische Zugänge zu einer Sammlung ermöglichen.

Abb. 2: Archive öffnen – Besucher*innen einen Einblick geben (https://experiments.withgoogle.com – Mario Klingemann & Simon Doury )

Dabei entsteht neben dem Mehrwert für Besucher*innen auch eine Unterstützung für Kurator*innen, die die Sammlung besser durchsuchen können und besonders gelungene Visualisierungsangebote als interaktives Exponat in eine Ausstellung integrieren können.

Der Mehraufwand für strukturierte Dokumente, Metadatenpflege und offene Schnittstellen lohnt sich also in mehrfacher Hinsicht und kann auf lange Sicht eine Arbeitserleichterung und Bereicherung sein.

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Katrin Glinka: „Schnittstellen, Austausch, Prozesse – Offenheit als Fundament von Innovation“

14. Januar 2019

Katrin Glinka ist bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zuständig für die wissenschaftliche Gesamtsteuerung des Projekts „museum4punkt0“ und beginnt ihren Vortrag mit der Klärung eines großen Begriffs. Was bedeutet eigentlich Innovation? Für das Zusammenspiel von kulturellen Institutionen und der Öffentlichkeit passt nach einem Blick in den Duden vor allem eine Erklärung gut: „Innovation ist eine Veränderung, die geplant und kontrolliert verläuft und durch die Anwendung neuer Ideen und Techniken zu einer Neuerung in einem sozialen System führt.“

Videoproduktion: Bollemedia TV- und Videoproduktion

Wenn es um Innovation und die digitale Entwicklung des Kulturbereiches geht, stehen zunächst die Institutionen im Mittelpunkt. Das können Museen sein, Theater- oder Tanzbühnen, Bibliotheken, Galerien und vieles mehr, sowohl in öffentlicher wie in privater Trägerschaft. Jede dieser Institutionen hat eine eigene Identität und eigene Bedürfnisse. Wichtig ist aber auch, die Interessen und Bedürfnisse des Publikums – oder auch Nicht-Publikums – zu kennen und in den Innovationsprozess einfließen zu lassen. Unabdingbar für Innovation ist außerdem eine allgemeine Technikkompetenz, die einen Überblick über neue Anwendungen ermöglicht.

Wo stehen wir heute in Sachen Digitaler Innovation. Ein kurzer Überblick:

– In den meisten Häusern gibt es IT-Abteilungen, die sich um die digitale Infrastruktur kümmern.

– Die Digitalisierung von Sammlungen und Archiven wurde als Aufgabe erkannt und angegangen. Im Zuge dessen entstehen Sammlungsdatenbanken und digitale Scans ermöglichen eine nicht-invasive Erforschung der Bestände.

– Kommunikations- und Marketingabteilungen verbreiten die Angebote über Webseiten und Social-Media-Kanäle.

– Ausstellungen werde häufig durch digitale Angebote erweitert, beispielsweise durch Multitouch Tables, Visualisierungen, Apps oder Spiele.

Angesichts dieser Fortschritte könnte man sich fragen: Wo braucht es denn überhaupt noch digitale Innovation? Was es aber braucht, ist ein digitaler Kulturwandel in den Institutionen, der all die schon bestehenden Ansätze aufnimmt, aber weit darüber hinausgeht, und der stärker als bisher die Bedürfnisse der Nutzer*innen in den Fokus nimmt.

Zentral für diesen Kulturwandel ist Offenheit auf mehreren Ebenen. Wenn Erfahrungen, Daten und Software offen unter allen Akteuren ausgetauscht werden, muss nicht jede Institution bei Null anfangen. Die Digitalisierung wird so zu einer gemeinsamen Aufgabe und nicht zur individuellen Überforderung.

Konkret bedeutet das: Konsequenter Open Source Ansatz bei Software und offene Schnittstellen zu Daten. Offenheit in den Arbeitsstrukturen durch ergebnisoffene Prozesse und interdisziplinäre Teams. Die größte und zugleich wichtigste Umstellung betrifft aber den Umgang der Institutionen untereinander. Akteure im Kulturbetrieb sind es gewohnt, nur das fertige „Produkt“ zu zeigen, zum Beispiel eine Ausstellung oder ein Theaterstück. In der Software-Entwicklung ist es ganz anders: Da ist der Austausch über „Unfertiges“ wie eine Betaversion ganz selbstverständlich, auch über Unternehmensgrenzen hinweg.

Mit „museum4punkt0“ wird modellhaft ein solcher offener Austausch vorgelebt, indem Zwischenschritte der Arbeitsergebnisse und Prototypen veröffentlicht, Fragen zugelassen und entstandene Tools auf Repositorien wie zum Beispiel GitHub zur Nachnutzung bereitsgestellt werden.

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Nicolas Zimmer – „Disrupting Culture? Digitale Transformation in der Kultur“

11. Januar 2019

Nicolas Zimmer, Vorstandvorsitzender der Technologiestiftung Berlin, beginnt seinen Vortrag mit klaren Worten: „Ich bin vieles, aber bestimmt kein Künstler. Mein Thema ist die Infrastruktur.“ Ganz bewusst hat Zimmer das Buzzword „Disruption“ in den Titel seines Vortrags genommen, weil das Prinzip auch auf den Kulturbetrieb angewandt funktioniert. Disruption beschreibt eine Produktentwicklung, die sich nicht an den Wünschen der Kund*innen oder des Publikums orientiert – und sich damit limitiert. Es geht um Techniken und Anwendungen, die sich zuerst in einer Nische entwickeln, langfristig aber zu weitreichenden Änderungen führen. Das bekannteste Beispiel für Disruption, die Verbreitung der Smartphones, nahm vor gut 10 Jahren mit dem ersten iPhone seinen Anfang. Die Folgen sind gravierend und betreffen auch die etablierten Kultureinrichtungen. Theater, Opern, Museen und Konzerte sind in der Statistik der Freizeitbeschäftigungen weit abgeschlagen hinter „online surfen“ und „social networks“.

Videoproduktion: Bollemedia TV- und Videoproduktion

Abb. 1: Beliebteste Freizeitbeschäftigungen(https://de.statista.com/statistik/daten/studie/171601/umfrage/mehrmals-pro-monat-ausgeuebtefreizeitaktivitaeten/)

Die Produktion von Inhalten ist dabei längst nicht mehr „Profis“ wie Schauspieler*innen, Musiker*innen oder Journalist*innen vorbehalten. „Es ist die Stunde der Amateure“, sagt Nicolas Zimmer. „Man könnte auch sagen: die Stunde der Macher.“ Diese Macher*innen haben gegenüber konventionellen Kultureinrichtungen den Vorteil, dass sie die Infrastruktur von Plattformen wie YouTube nutzen, um ihre Kreativität auf den Markt zu bringen. Abrechnung, Vermarktung, Computerleistung – um all das kümmern sich die Plattformen zu erschwinglichen Beträgen. Die Masse macht’s. Ähnliche Plattformen, die es Kulturinstitutionen ermöglichen würden, sich auf das Wesentliche –die Inhalte – zu konzentrieren, gibt es nicht. Auch die Verwendung von Open Source-Produkten, die gemeinsam entwickelt und geteilt werden, ist wenig ausgeprägt. Man nutzt, was man kennt, und verzichtet dabei auf viele Vorteile. Der Kulturbetrieb konkurriert mit neuen Angeboten wie YouTube oder Netflix um die begrenzte Ressource der Aufmerksamkeit des Publikums. Es stellt sich die Herausforderung, zwischen den durchschnittlich 6000 Informationen, die am Tag auf einen Menschen einprasseln, ins aktive Bewusstsein vorzudringen. Plattformen wie Netflix nutzen dafür ausgefeilte Personalisierungsstrategien. So gibt es beispielsweise für eine Serie mehrere Teasergraphiken, die je nach Kundenprofil angepasst und angezeigt werden. Von so einem Aufwand sind die Kulturinstitutionen weit entfernt. Weniger als die Hälfte der 322 Berliner Kultureinrichtungen verwendet auf ihren Internetseiten Metatags, noch weniger nutzen Analysetools, um etwas über die Nutzer*innen herauszufinden.

Abb.2. Verwendung von Metatags (eigene Darstellung von Nicolas Zimmer)

Das hat zur Folge, dass diese Webauftritte nicht nur nicht an das Publikum angepasst werden können. Es heißt, dass die Webseiten so gut wie unauffindbar sind. Hier muss möglichst schnell ein Umdenken stattfinden, denn was nützt eine aufwendig gestaltete und gepflegte Webseite, wenn sie die Zielgruppe nicht erreicht? Wer hier Zeit spart, spart am falschen Ende. Meine Take away Message ist deshalb: Wenn wir wollen, dass Kunst und Kultur wahrgenommen werden und sich behaupten können, dann bleibt kein anderer Weg als der Weg über die Daten. Denn wie Brecht sagt: Die im Dunkeln sieht man nicht.

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